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Foto: Drazen Zigic/iStock

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Enkel und Großeltern

Für viele Kinder zählen Großeltern zu den wichtigsten Menschen. Sie erzählen Geschichten, hören zu, nehmen sich Zeit – und begleiten ihre Enkel oft über viele Jahre. Gleichzeitig hat sich ihre Rolle verändert: Familien leben häufiger an verschiedenen Orten, Kinder werden später geboren und die Lebensgestaltung im Alter ist vielfältiger geworden. Trotz dieser Veränderungen bleibt die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln eine wertvolle Verbindung zwischen den Generationen.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das Verhältnis zwischen Großeltern und Enkeln stark verändert. Während Großeltern früher oft als Autoritätspersonen wahrgenommen wurden, ist das Verhältnis heute meist enger und partnerschaftlicher. Forschende führen diese Entwicklung auf den allgemeinen Wandel von Familienstrukturen zurück: Hierarchien sind flacher geworden, Beziehungen stärker von Austausch und emotionaler Nähe geprägt.

Großelternschaft heute: später, aber länger

In Deutschland erleben viele Menschen die Großelternrolle: Fast die Hälfte der 46- bis 90-Jährigen hat mindestens ein Enkelkind – das sind laut Daten des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) rund 20 Millionen Menschen. Gleichzeitig verschiebt sich der Zeitpunkt nach hinten, an dem Menschen Großeltern werden. Frauen werden im Durchschnitt mit etwa 53 Jahren Großmutter, Männer mit rund 56 Jahren Großvater. Gründe dafür sind unter anderem spätere Familiengründungen über mehrere Generationen hinweg sowie die gestiegene Lebenserwartung. Dadurch können Großeltern und Enkel oft viel Zeit miteinander verbringen – häufig über mehrere Jahrzehnte hinweg.

Forschende sprechen in diesem Zusammenhang von sogenannten „Bohnenstangenfamilien“: Familien, die vertikal länger, aber horizontal schmaler geworden sind. Das bedeutet: Es leben mehr Generationen gleichzeitig, während die Zahl der Kinder pro Familie sinkt. Laut DZA hatten Großeltern im Jahr 2020 durchschnittlich etwa drei Enkelkinder.

Eine Brücke zwischen Generationen

Für Kinder ist die Beziehung zu ihren Großeltern eine wichtige Ergänzung zum Elternhaus. Viele Enkelkinder haben regelmäßig Kontakt zu ihren Großeltern und erleben diesen als sehr positiv, wie die Studie „Generationenübergreifende Zeitverwendung: Großeltern, Eltern, Enkel“ des Deutschen Jugendinstituts (DJI) aus dem Jahr 2018 ergeben hat. Großeltern stehen den Enkeln nahe, sind aber nicht direkt in den Erziehungsalltag eingebunden. Das schafft Freiräume: Großeltern gehen oft gelassen, geduldig und vertrauensvoll mit den Enkeln um. „Kinder verstehen sich in der Regel gut mit ihren Großeltern, gehen gerne zu ihnen und verbringen gerne Zeit mit ihnen“, sagt Dr. Alexandra Langmeyer-Tornier vom Deutschen Jugendinstitut (DJI), die die Fachgruppe „Lebenslagen und Lebenswelten von Kindern“ leitet. 

Großeltern helfen Kindern, über die enge Bindung zu den Eltern hinaus weitere Beziehungen aufzubauen. Sie vermitteln Erfahrungen, die über den Alltag hinausgehen. Als Zeitzeug*innen erzählen sie von ihrer Kindheit, früheren Lebensbedingungen oder der Familiengeschichte. Kinder erleben dadurch, dass sich Lebenswelten verändern – und dass sie Teil einer größeren Geschichte sind. Studien zur Familienforschung zeigen, dass solche Erfahrungen das Zugehörigkeitsgefühl und die Identitätsentwicklung stärken können.

Die Beziehung ist dabei wechselseitig: Während Großeltern Wissen und Erfahrungen weitergeben, helfen Enkel ihnen, sich in einer schnell wandelnden Welt zurechtzufinden. Sie erklären was Künstliche Intelligenz ist, übersetzen Jugendsprache oder zeigen den Umgang mit Smartphones. Für Großeltern ist es eine tolle Chance von den Enkelkindern etwas über ihre Lebenswelt zu erfahren.

Auch Einblicke in das Leben im Alter gehören dazu. Kinder erleben, wie Großeltern mit gesundheitlichen Einschränkungen oder altersbedingten Veränderungen umgehen. Das kann Vorurteilen vorbeugen und für mehr Toleranz sorgen. „Der Kontakt zur älteren Generation ermöglicht einen Perspektivwechsel“, so Alexandra Langmeyer-Tornier. „Das hilft Kindern, die Bedürfnisse und Lebenslagen älterer Menschen besser zu verstehen.“

Foto: lucigerma/iStock

Was die Beziehung prägt

Wie eng Großeltern und Enkel verbunden sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine wichtige Rolle spielt die Elterngeneration: Sie beeinflusst, wie häufig Kontakte stattfinden und wie Beziehungen gestaltet werden. „Die Beziehungsqualität der Großeltern zu ihren eigenen Kindern ist ein starker Prädiktor für die Qualität und den Kontakt zu den Enkelkindern“, sagt Alexandra Langmeyer-Tornier. 

Darüber hinaus ist die räumliche Nähe ein bedeutender Faktor: Leben Großeltern und Familie nah beieinander, entstehen häufiger Begegnungen im Alltag, was die Bindung stärkt. Auch das Alter und der Gesundheitszustand der Großeltern beeinflussen, wie aktiv sie am Leben der Enkel teilhaben können. Hinzu kommt die Zahl der Enkelkinder – je mehr Enkel es gibt, desto mehr verteilt sich Zeit und Aufmerksamkeit. 

Auffällig sind geschlechtsspezifische Unterschiede: Großmütter sind oft präsenter und stärker in die Betreuung eingebunden, während Großväter ihre Rolle zunehmend neu entdecken und aktiver werden. Zudem ist der Kontakt zur Familie der Mutter oft enger als zu der Familie des Vaters. Soziale Faktoren wie Einkommen, Bildung oder Erwerbsstatus haben laut DJI-Studie keinen entscheidenden Einfluss auf die Qualität der Beziehung.

Nähe trotz Distanz 

Auch wenn Großeltern und Enkel weit entfernt voneinander leben, ist die Beziehung meist eng.  Forschende sprechen von „Intimität auf Distanz“. Trotz räumlicher Entfernung fühlen sich beide Seiten emotional stark verbunden. 
Dass es eine Nähe zwischen Großeltern und Enkeln gibt, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern entsteht im Miteinander. Entscheidend ist vor allem das gegenseitige Interesse. Großeltern können von Anfang an viel für eine gute Beziehung tun, etwa indem sie die Erziehungsarbeit ihrer Kinder und Schwiegerkinder wertschätzen. 

Kinder spüren, ob Großeltern verlässlich da sind, zuhören und Anteil nehmen – ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Gemeinsame Zeit und Präsenz im Alltag sind wichtiger als Geschenke. „Großeltern sollten keine Scheu vor der Distanz haben. Auch wenn sie weit entfernt leben, lässt sich ein regelmäßiger Kontakt mit den Enkelkindern etablieren“, so Alexandra Langmeyer-Tornier. Auch über (Video-)Anrufe, Nachrichten oder regelmäßige Besuche lässt sich Nähe aufbauen.

Was Enkel an Großeltern schätzen

Kinder und Jugendliche nennen immer wieder drei Dinge, die sie an ihren Großeltern besonders schätzen: Zeit, Aufmerksamkeit und Vertrauen.

Großeltern und Enkel haben oft weniger Stress und Leistungsdruck im Alltag als die Eltern. Und sie sehen Vieles entspannter. Häufig entsteht dadurch eine besondere Allianz. In der Zeit mit den Enkeln gibt es Raum für Gespräche, Spiele oder Rituale – vom Backen bis zum Ausflug am Wochenende. Großeltern zeigen sich meist tolerant und bewusst großzügig gegenüber ihren Enkelkindern. In Konflikte zwischen Eltern und Kindern sind sie oft nicht direkt eingebunden und können deshalb zuhören, ohne Partei zu ergreifen. „Zum Beispiel in der Pubertät können Großeltern wichtige Gesprächspartner und Vermittler sein“, so Alexandra Langmeyer-Tornier. Ihre Lebenserfahrung und der Abstand zum Alltag helfen dabei.

Wenn Erwartungen unterschiedlich sind

Wie jede familiäre Beziehung ist auch die zwischen Großeltern und Eltern nicht frei von Spannungen. Unterschiedliche Vorstellungen über Erziehung oder Betreuung können zu Konflikten führen. Oft spielen dabei auch eigene Kindheitserfahrungen eine Rolle. „Großeltern sollten sich an die Familienregeln halten und auch die Eltern im Blick haben“, sagt Alexandra Langmeyer-Tornier. Gespräche über Erwartungen und frühere Erfahrungen fördern das gegenseitige Verständnis. 

Wichtig ist darüber hinaus ein respektvoller Umgang mit Schwiegerkindern. Großeltern sollten unterstützen, ohne sich einzumischen – oft ein Balanceakt.

Praktische Unterstützung im Alltag

Großeltern sind oft eine wichtige Stütze im Familienleben. Sie springen ein, wenn Betreuungsangebote ausfallen, Kinder krank sind oder Ferienzeiten überbrückt werden müssen. Rund ein Drittel der Großeltern mit Enkelkindern unter 14 Jahren übernimmt regelmäßig Betreuungsaufgaben, wie Daten des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) zeigen. Im Durchschnitt investieren betreuende Großeltern mehrere Stunden pro Woche. Sie ergänzen vor allem die institutionelle Betreuung und helfen besonders in Randzeiten – etwa am frühen Morgen oder am Abend. Mit der steigenden Erwerbstätigkeit von Müttern gewinnt diese Unterstützung weiter an Bedeutung. Großeltern tragen dabei wesentlich zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei. Würde man die geleistete Betreuungszeit bezahlen, ergäben sich laut DZA volkswirtschaftliche Kosten in Milliardenhöhe. 
Auch finanziell helfen Großeltern oft, etwa durch Geldgeschenke, die Finanzierung von Freizeitaktivitäten oder bei größeren Anschaffungen. 

In belastenden Lebensphasen, zum Beispiel bei Trennungen oder Scheidungen der Eltern, können sie Stabilität geben. „Großeltern können Kinder in solchen Situationen entlasten und ihnen Sicherheit vermitteln“, so Alexandra Langmeyer-Tornier. Verlässliche Beziehungen gelten in der Entwicklungsforschung als wichtiger Schutzfaktor für Kinder. 

Foto: freemixer/iStock

Auch Großeltern profitieren

Die Beziehung zu Enkeln bereichert auch die Großeltern. Viele erleben ihre Rolle als sinnstiftend, besonders im Ruhestand. Psycholog*innen sprechen von „Generativität“ – dem Wunsch, Erfahrungen und Werte weiterzugeben. Der Kontakt zu Enkeln hält geistig und körperlich fit. „Studien zeigen, dass Großeltern mit aktivem Familienkontakt oft gesünder sind und sich subjektiv wohler fühlen“, sagt Alexandra Langmeyer-Tornier.

Wenn Großeltern fehlen

Nicht alle Kinder wachsen mit Großeltern auf. Manche leben weit entfernt, andere haben keinen Kontakt. Gleichzeitig gibt es immer mehr ältere Menschen ohne eigene Enkel. Projekte wie Leih- oder Wunschgroßeltern sowie Familienpatenschaften – zum Beispiel im Kinderschutzbund – bringen beide Seiten zusammen. Praxisberichte zeigen, dass solche generationenübergreifenden Angebote für Kinder wie ältere Menschen bereichernd sein können. Sie ersetzen keine familiären Bindungen, schaffen aber neue Formen von Nähe, Austausch und Unterstützung. Für viele Engagierte bietet ein solches Ehrenamt zudem die Möglichkeit, soziale Kontakte zu knüpfen und eigene Erfahrungen weiterzugeben. So entstehen Beziehungen zwischen den Generationen – auch dort, wo familiäre Strukturen fehlen.

Foto: gorodenkoff/iStock

Eine Verbindung, die bleibt

Die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln ist vielschichtig und lebendig. Sie bietet Nähe, Austausch und gegenseitige Unterstützung. Wo Großeltern Zeit schenken, zuhören und Erfahrungen teilen, entstehen Verbindungen zwischen den Generationen. Diese geben Kindern Orientierung, Halt und Stärke – und begleiten sie oft ein Leben lang. 


Ausgabe 26-2

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