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Foto: DKSB OV Leipzig

Politik und Praxis

Stärken statt abschrecken

Im Projekt FREE YOUR MIND des Kinderschutzbundes Leipzig übernehmen Jugendliche Verantwortung – für sich und andere. Sie stärken die persönlichen und sozialen Fähigkeiten ihrer Mitschüler*innen, um Drogenkonsum vorzubeugen und den Umgang mit Medien zu verbessern.

Colin und Zara besuchen die 10. Klasse einer Oberschule und machen bald ihren Abschluss. Ihre Schule liegt in einem sogenannten Schwerpunktraum der Leipziger Stadtverwaltung – einem Gebiet, das als „sozialer Brennpunkt“ gilt. Hier sollen Angebote der Kinder- und Jugendförderung gezielt ausgebaut werden. Eines davon ist FREE YOUR MIND. 

Das Projekt findet direkt in der Schule statt. Jeden Mittwoch nach dem Unterricht trifft sich eine Gruppe von acht Jugendlichen. Die Teilnahme ist freiwillig, aber Verlässlichkeit wird großgeschrieben. Ziel ist es, Jugendlichen Raum für Austausch, gemeinsames Lernen und eigenes Engagement zu geben. 

Mehr wissen und Spaß haben 

„Als uns FREE YOUR MIND vorgestellt wurde, dachte ich, das könnte Spaß machen. Und dann wurden wir ja eigentlich direkt ins Camp reingeworfen – das fand ich sehr cool“, antwortet Colin auf die Frage, was ihn motiviert habe, sich im Projekt zu engagieren. Das war vor vier Jahren. Das Projekt selbst gibt es schon seit 1997. Damals entwickelten die Fachstelle für Suchtprävention, das Gesundheitsamt und die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) das Konzept. Auch wenn sich einzelne Methoden im Laufe der Zeit verändert haben, sind die Grundideen gleichgeblieben. Allen voran das Camp, von dem Colin spricht.

FREE YOUR MIND fördert Suchtprävention sowie Gesundheits- und Medienkompetenz. Aktuell wird es an zwölf Schulen in Leipzig umgesetzt. Jugendliche ab Klasse 7 können an einem viertägigen Campseminar teilnehmen, in dem sie zu Schülermultiplikator*innen ausgebildet werden. Dabei erwerben sie Wissen zu Themen wie Drogenkonsum und Sucht, lernen Methoden der Präventionsarbeit kennen und trainieren zu moderieren und präsentieren. 

Gleichaltrige positiv beeinflussen

Ziel dieser Ausbildung ist es, dass die Jugendlichen anschließend eigene Projektideen entwickeln und an ihren Schulen umsetzen. Diese reichen von kleinen Mitmachaktionen über Kennenlern-Nachmittage für jüngere Schüler*innen bis hin zur Gestaltung ganzer Unterrichtsstunden zu einem Thema, das der jeweiligen Gruppe am Herzen liegt. Colin und Zara haben zum Beispiel einen Medien-Workshop für die 5. Klassen entwickelt und durchgeführt. Ihnen war aufgefallen, dass ihre Mitschüler*innen nur selten Privatsphäre-Einstellungen an ihren Smartphones vorgenommen hatten. Im Workshop ging es deshalb darum, wie man Privatsphäre-Einstellungen bei WhatsApp nutzt und warum ein respektvolles Verhalten im Klassenchat wichtig ist.

Ein weiteres Highlight war ein selbstgedrehter Trickfilm darüber, wie unangenehm Zigarettenrauch an Haltestellen für andere Mitfahrende sein kann. Der Film wurde später in Straßenbahnen der Leipziger Verkehrsbetriebe gezeigt – ein Erfolg, auf den die FREE-YOUR-MIND-Jugendlichen auch zwei Jahre später noch sehr stolz sind.

Der Ansatz, Jugendliche in die Präventionsarbeit einzubinden, wird auch als Peer Education bezeichnet. Gleichaltrige sprechen dieselbe Sprache, kennen die Themen, die Jugendliche beschäftigen und wissen, was an der jeweiligen Schule gerade relevant ist. Sie können Einstellungen zur eigenen Gesundheit und Verhaltensweisen ihrer Mitschüler*innen positiv beeinflussen. Die Schülermultiplikator*innen treffen sich regelmäßig, initiieren eigene Angebote und sorgen dafür, dass Prävention im Schulalltag präsent bleibt.

Engagement, das sich lohnt 

Auch die Jugendlichen selbst profitieren von ihrem Engagement. Zara berichtet: „Durch das Camp habe ich keine Schwierigkeiten mehr mit Aufregung vor Vorträgen. Die Tipps, die ich bekommen habe, waren sehr gut.“ Sie ist sich sicher, dass ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre verbesserten kommunikativen Fähigkeiten im Berufsleben nützlich sein werden.

Colin schätzt vor allem die sozialen Kontakte: „Die tolle Gruppe auf jeden Fall – und dass man einfach mal rauskommt. Die Treffen waren ja außerhalb des Unterrichts und von dem, was man zuhause erlebt.“ Vielen Jugendlichen geht es wie Colin. FREE YOUR MIND ist für sie ein Ort der Begegnung: Workshops, weitere Camps zur Fortbildung, jährliche Sommer- und Winterfeste und nicht zuletzt die digitale Vernetzung der Jugendlichen untereinander schaffen Gelegenheiten, sich auszutauschen und Freundschaften zu knüpfen – über Stadtteile und Schulformen hinweg. Neben Oberschulen sind auch ein Gymnasium und eine Lernförderschule beteiligt.

Jede Gruppe wird von einer Schulsozialarbeiter*in oder Lehrkraft betreut, manchmal unterstützen zudem Ehrenamtliche. Claudia, früher selbst Schülermultiplikatorin, arbeitet heute im Einzelhandel. Sie erzählt, dass sie im Berufsalltag manchmal das wertschätzende Miteinander vermisst und sich deshalb seit fünf Jahren ehrenamtlich an einer Oberschule engagiert – auch bei den Camps ist sie regelmäßig dabei. Alisa, die soziale Arbeit studieren möchte, hilft bei Workshops in Schulklassen. Solche Workshops gehören ebenso wie Elternabende und Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte zu den Aufgaben der drei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des Projekts.

Prävention im Schulalltag verankern 

Die Projektkoordinatorinnen unterstützen darüber hinaus interessierte Schulen dabei, Präventionskonzepte zu entwickeln. Ziel ist es, die Angebote dauerhaft im Schulalltag zu verankern und gesunde Lern- und Lebensbedingungen zu schaffen – dort, wo Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Wichtig ist, dass Schüler*innen in den Prozess aktiv eingebunden werden. Ein Präventionskonzept umfasst unter anderem eine strukturierte Angebotsplanung, klare Handlungsleitfäden bei Vorfällen mit Drogen und eine Hausordnung, die auch die Vorbildfunktion der Erwachsenen thematisiert. Oder aus Schüler*innensicht auf den Punkt gebracht: „Wenn wir ein FREE YOUR MIND-Projekt über Nikotin machen, ist es schon blöd, wenn die Lehrer danach direkt vor der Schule stehen und rauchen.“

Weitere Informationen

freeyourmind-leipzig.de


Ausgabe 26-1

Schwerpunkt

Pubertät: Aufbruch ins Leben

Politik und Praxis

Kinder- und Jugendpolitik

Kinderschutz vor Ort

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