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Sexualität braucht Wissen

Wer Fragen zu Sexualität, Liebe, sexueller Orientierung, Beziehungen oder Verhütung hat, findet deutschlandweit bei pro familia Rat. Andreas Ritter, Sexualpädagoge bei pro familia Berlin, berät Jugendliche, Schulklassen, Eltern und Fachkräfte. Er erklärt, was Jugendliche heute bewegt.

Foto: Privat

Was beschäftigt Jugendliche in der Pubertät?  

ANDREAS RITTER: Jugendliche fragen sich: Bin ich normal? Bin ich attraktiv? Was passiert mit meinem Körper? Wie gelingt Sexualität? Wie lerne ich jemanden kennen? Was mache ich bei Liebeskummer? Diese Unsicherheiten sind seit Generationen gleich. Neu ist der Einfluss digitaler Medien: Geflirtet wird nicht nur auf dem Schulhof, sondern auch online.

In unseren 90-minütigen Schulveranstaltungen bestimmen die Jugendlichen die Themen. Sie fragen: Ab wann darf ich Sex haben? Wie benutze ich Kondome? Was ist wahr an dem, was ich in Medien oder Pornos sehe? Die Themen reichen von körperlichen Veränderungen über Verhütung und sexuell übertragbare Infektionen bis hin zu Verliebtsein. Oft sprechen wir auch über Gewalt, Selbstverletzung, Drogen oder Stress mit den Eltern. Die Pubertät kann auch eine Zeit der Umbrüche und Krisen sein.

Wie werden Jugendliche aufgeklärt?

ANDREAS RITTER: Es gibt keinen typischen Jugendlichen – ihre Lebenssituationen sind so vielfältig wie die Gesellschaft. Studien zeigen, dass Mädchen oft mit ihren Müttern über Sexualität sprechen. Väter holen bei der Aufklärung von Jungen langsam auf. Die Schule ist für die meisten Jugendlichen ein wichtiger Ort der Wissensvermittlung, auch zu diesen Themen. Jugendliche informieren sich auch bei Freund*innen, in Medien oder Schulprojekten. 

Manche Jugendliche sprechen offen mit ihren Erziehungsberechtigten über Sexualität, andere spüren, dass ihnen das Thema unangenehm ist, oder erleben Ablehnung und fürchten Stress oder Sanktionen. Viele Elternhäuser tabuisieren Sexualität und Beziehungen, was zu Wissenslücken führt. 

Aufklärung geschieht meist in kurzen Gesprächen – etwa, wenn im Freundeskreis ein Baby kommt, eine Fernsehserie ein Liebesdrama zeigt oder in der Schule über Verhütung gesprochen wird. Eltern sollten solche Gelegenheiten nutzen, um ins Gespräch zu kommen.

Welche Rolle spielen Pornos bei der Aufklärung?

ANDREAS RITTER: Pornografie ist unter Jugendlichen weit verbreitet. Der Kontakt damit steigt mit dem Alter. Manche stoßen über Freund*innen, geteilte Bilder oder fehlende Jugendschutzfilter darauf, andere suchen gezielt – aus Neugier oder um mitreden zu können. Jungen konsumieren häufiger Pornos als Mädchen. Frei zugängliche Pornos, meist von Männern für Männer produziert, zeigen oft unrealistische Körperbilder, extreme Handlungen und problematische Rollenbilder. 

Viele Jugendliche wissen, dass Pornos nicht die Realität abbilden, brauchen aber Erwachsene, um das Gesehene einzuordnen. Ohne Ansprechpartner*innen können Unsicherheiten, Leistungsdruck oder falsche Erwartungen entstehen. Gefühle wie Ekel, Wut oder Ärger können auftreten. Manche Jugendlichen ziehen sich zurück oder knallen die Türen, wenn sie unfreiwillig mit Pornos konfrontiert wurden. Gleichzeitig können Pornos bei der Entdeckung der eigenen Lust eine Rolle spielen. Queere Jugendliche berichten, dass sie bei fehlenden Vorbildern in Pornos erste Antworten auf ihre Fragen finden. Entscheidend ist, wie Jugendliche damit umgehen. Wer gut aufgeklärt ist, kann Pornografie reflektierter betrachten.

Welche Rechte haben Jugendliche in Bezug auf Sexualität?

ANDREAS RITTER: Jugendliche haben ein Recht auf selbstbestimmte Sexualität. Ab 14 Jahren ist Sex in Deutschland erlaubt. Die Sorge, dass Jugendliche immer früher sexuell aktiv werden, ist unbegründet. Laut einer aktuellen Studie des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit haben die meisten Jugendlichen ihr erstes Mal mit 19 Jahren erlebt, auch erste Küsse finden später statt als früher. 

Jugendliche haben Anspruch auf vertrauliche Beratung, medizinische Versorgung und Schutz vor Gewalt. Sie wollen Beziehungen und Sexualität positiv gestalten, brauchen dafür aber Wissen und Sicherheit. Gut informierte Jugendliche können selbstbewusst Grenzen setzen und sagen, was sie wollen oder nicht wollen. 

Das Recht auf Selbstbestimmung umfasst auch sexuelle Identität und Orientierung. Obwohl LGBTQIA+-Jugendliche* heute mehr Akzeptanz erfahren, erleben viele weiterhin Diskriminierung. Rechte Gruppen greifen Pride-Veranstaltungen an, was besonders Jugendliche in Coming-out-Phasen belastet. Es ist wichtiger denn je, sich gegen Diskriminierung klar zu positionieren. Wir sagen Jugendlichen oft: Mehr Rechte für andere, bedeuten nicht weniger Rechte für Dich. Respekt vor verschiedenen Lebensentwürfen ist zentral.  

*Die LGBTQIA+-Bewegung setzt sich für die Rechte und Anerkennung von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgender, queeren, intersexuellen und anderen nicht-heteronormativen Identitäten ein. Ihr Ziel ist Gleichberechtigung, Akzeptanz und Sichtbarkeit.

Was müssen Jugendliche über Verhütung wissen? 

ANDREAS RITTER: Jugendliche nehmen Verhütung ernst. Sie informieren sich und möchten sich sicher fühlen. Die meisten wünschen sich Kinder erst, wenn sie selbst sicher im Leben stehen.

Ein hundertprozentig sicheres Verhütungsmittel gibt es nicht. Verhütung hat sich verändert: Menschen aller Altersgruppen verhüten vermehrt hormonfrei, die Pille wird seltener genutzt, das Kondom bleibt wichtig. Doch Kondome erfordern Übung und Selbstbewusstsein. Manche Jugendliche schämen sich, Verhütung anzusprechen oder hoffen, dass schon nichts passieren wird. Menschen jeden Alters fällt es schwer, immer an das Kondom zu denken oder bei Machtungleichgewichten auf die Verwendung zu bestehen. 

Auch in der Beratung gibt es Lücken: Nicht alle Ärzt*innen erklären die Bandbreite der Möglichkeiten. Mädchen trauen sich oft nicht, nach Alternativen zu fragen. Apps sind ungeeignet und Social-Media-Informationen zu hormonfreier Verhütung oft fehlerhaft. Jugendliche brauchen verlässliche Informationen, um die passende Methode für ihre Lebenssituation zu wählen. In unserer Beratung gehen wir auf die Bedürfnisse ein und stellen alle Optionen vor, die es gibt. Die meisten wissen schnell, was für sie passt. Die Wahl des Verhütungsmittels hängt auch von der Lebenssituation ab: In einer Beziehung sind andere Methoden möglich als bei Singles.

Wie sehen Jugendliche die Vielfalt von Liebe und Sexualität?

ANDREAS RITTER: Die Ansichten sind unterschiedlich. Viele Jugendliche akzeptieren LGBTQIA+ und zeigen Offenheit für verschiedene Lebensentwürfe. Das schafft Freiheit im Denken über Beziehung, Begehren und Identität und im Zulassen von Möglichkeiten. Andere lehnen diese Vielfalt ab oder werten sie ab. 

Jugendliche, die sich anders fühlen, stehen oft unter Druck. Ihr Umgang damit hängt stark vom Umfeld ab. Ein offenes Klima an der Schule erleichtert den Prozess, während homophobe oder queerfeindliche Kommentare oder Gewalt das Gegenteil bewirken. In Großstädten kann es einfacher sein als auf dem Land. 

Was brauchen Jugendliche, um Beziehungen und Sexualität selbstbestimmt zu entdecken? 

ANDREAS RITTER: Jugendliche brauchen Ansprechpartner*innen, Verständnis und Informationen. Sie müssen ausprobieren dürfen, was sich richtig anfühlt. Fehler gehören dazu. Wichtig ist, dass sie wissen: Sie können sich immer an ihre Erziehungsberechtigten wenden. Liebe, Beziehungen und Sexualität unterscheiden sich darin nicht von anderen Lebensbereichen.

Wie unterstützen Eltern ihre Kinder am besten?

ANDREAS RITTER: Eltern sollten früh über körperliche und psychische Veränderungen sprechen – am besten vor der Pubertät, wenn Jugendliche noch offener für Informationen sind. Mädchen sollten zum Beispiel wissen, wie sie mit der ersten Menstruation umgehen. Wenn Eltern das Thema schwerfällt, helfen gute Bücher oder ein Termin in einer Beratungsstelle.

Eltern sollten authentisch und ehrlich sein, denn Jugendliche spüren Unsicherheiten sofort. Auch Eltern können sich beraten lassen. Manche Jugendliche berichten, dass Eltern zwar Offenheit predigen, diese aber nicht in der eigenen Familie leben. Ehrlichkeit und Unterstützung sind entscheidend, damit Jugendliche Vertrauen entwickeln. 


Ausgabe 26-1

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Pubertät: Aufbruch ins Leben

Politik und Praxis

Kinder- und Jugendpolitik

Kinderschutz vor Ort

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