
Mehr als Chaos
Die Pubertät hat ein schlechtes Image. Kaum eine Lebensphase wird so belächelt, gefürchtet oder dramatisiert. Von „Pubertieren“ ist die Rede, Eltern ernten Mitleid, und Jugendliche würden den Begriff am liebsten streichen. Doch wer genau hinschaut, erkennt: Die Pubertät ist keine Krankheit, sondern eine beeindruckende Zeit des Wachstums. Sie fordert heraus, birgt aber auch ungeheure Chancen – für Jugendliche und ihre Eltern. Genau das vermitteln die Elternkurse des Kinderschutzbundes.
Zwischen Kindheit und Erwachsensein
Biologisch markiert die Pubertät die Phase, in der der Körper sich verändert und geschlechtsreif wird. Psychologisch bedeutet sie weit mehr: Es ist der Abschied von der Kindheit, das Hineinwachsen in eine neue Stufe des Lebens. Dieser Übergang fühlt sich oft widersprüchlich an: traurig und aufregend, schmerzhaft und befreiend zugleich.
„Ein wichtiges Gefühl für Jugendliche ist die Sehnsucht“, sagt Tillmann Schrörs, Kursleiter im Elternkursprogramm Starke Eltern – Starke Kinder im Kinderschutzbund Düsseldorf, „ein unkonkretes, aber intensives Gefühl, das permanent durch die Erwartungen der Umwelt gestört wird. Während ein jugendlicher Mensch versucht Klarheit für sich zu finden, wird ihm vermittelt, wie er werden soll.“ Ihren Weg müssen Jugendliche aber selbst finden.
Jugendliche bewältigen in der Adoleszenz zahlreiche Aufgaben: Sie sollen sich sozial orientieren, intellektuelle Leistungen in der Schule erbringen, Entscheidungen für die berufliche Zukunft treffen – und gleichzeitig eine eigene sexuelle Identität entwickeln. Dass das manchmal zu Überforderung führt, ist vollkommen normal.
Die aktuelle SINUS-Jugendstudie beschreibt Jugendliche so: Sie seien „problembewusst und besorgt, aber der Zukunftsoptimismus bleibt erstaunlich stabil“.
Das Gehirn im Umbau
Warum reagieren Jugendliche manchmal impulsiv, vergessen einfache Dinge oder wirken chaotisch? Die Antwort liegt im Gehirn, das in der Pubertät eine fundamentale Umbauphase durchläuft.
Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen: Das limbische System und das Belohnungszentrum sind früh ausgereift und hochaktiv. Der präfrontale Kortex, zuständig für Planung, Impulskontrolle und Risikoabschätzung, entwickelt sich später. Das bedeutet: Gefühle und spontane Impulse sind oft schneller als die Vernunft. Dass Jugendliche manchmal riskant, emotional oder unstrukturiert handeln liegt an der Entwicklung ihres Gehirns – es arbeitet schlicht anders als das eines Erwachsenen.
Während der Adoleszenz entstehen neue Verknüpfungen zu Gehirnregionen, die für Emotionen verantwortlich sind und das Denken und Handeln verändern. Jugendliche lernen, komplexe Aufgaben zu bewältigen, Empathie zu empfinden und sich in andere hineinzuversetzen.
Das Gehirn bleibt in dieser Phase besonders formbar: Erfahrungen, Beziehungen, Umwelteinflüsse und Orientierungshilfen prägen sich tief ein. Dies eröffnet Chancen für Bildung und Erziehung, aber macht auch verletzlich und anfällig für negative Einflüsse. Genau deshalb sind stabile, liebevolle Bezugspersonen in dieser Zeit so wichtig.
Zwischen Freiheit und Geborgenheit
Seelisch stehen Jugendliche zwischen zwei Polen: Sie sehnen sich nach Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Gleichzeitig spüren sie den Verlust der vertrauten Geborgenheit aus der Kindheit.
Selbstüberschätzung und Selbstzweifel wechseln sich ab. Alles kann infrage gestellt werden: Regeln, Gewohnheiten, die Eltern, die eigene Identität. Dieser Prozess hilft Jugendlichen, herauszufinden, wer sie sein wollen. Die COPSY-Studie zeigt, dass Unsicherheiten und psychische Belastungen in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Nicht, weil Jugendliche „schwieriger“ geworden wären, sondern weil die Anforderungen an sie enorm gestiegen sind. Gleichzeitig bleibt eines konstant: Stabile Beziehungen zu Eltern, Freund*innen und Lehrkräften schützen und stärken.
Peers übernehmen die Hauptrolle
Eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben der Pubertät ist die Neubestimmung sozialer Rollen. Dazu gehören Fragen wie: Wer bin ich für mich? Wer bin ich für andere? Wo gehöre ich hin? Die Familie rückt in den Hintergrund – Peergruppen, Freundschaften und Jugendkulturen werden wichtiger. Sie bieten Sicherheit, Orientierung und ein neues Wir-Gefühl. Werte, Stile und Lebenshaltungen werden gemeinsam ausgehandelt – oft nonverbal, durch Blicke, Kleidung, Musik oder digitale Kommunikation.
Die Shell Jugendstudie beschreibt Peers als „Kraftquelle, Lernfeld und emotionale Heimat“ für junge Menschen. Genau deshalb ist es so wichtig, Jugendlichen den Raum zu lassen, eigene soziale Kreise zu bilden und sich darin auszuprobieren.
„Ich bin o.k., so wie ich bin“
Jugendliche sprechen selten offen über die Veränderungen, die sie in der Pubertät erleben. Leichter fällt es, von Konflikten mit Eltern oder über vermeintliche Ungerechtigkeiten zu reden. Doch im Hintergrund arbeitet unermüdlich eine zentrale Entwicklungsaufgabe: der Aufbau eines stabilen Selbstwertgefühls.
Ein gesunder Selbstwert klingt innerlich etwa so: „Ich bin o.k. so, wie ich bin. Ich bin wichtig. Ich kann etwas. Ich werde gebraucht.“ Solche Überzeugungen wachsen in Beziehungen – und brauchen Erwachsene, die Jugendlichen signalisieren: Du darfst Fehler machen. Du darfst dich verändern. Du darfst du selbst sein.
Gleichzeitig stehen Jugendliche unter Druck: Medial idealisierte Körper, sexualisierte Darstellungen, stereotype Geschlechterrollen. Vielfältige Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierungen sind sichtbarer. Ob Jugendliche genug Freiheit für ihre Selbstfindung erleben, ist stark davon abhängig, in welcher Region und in welchem Milieu sie leben. All dies kann verunsichern.
Umso wichtiger ist es, dass Eltern, Pädagog*innen und Bezugspersonen eine Atmosphäre der Offenheit schaffen, in der Fragen, Zweifel und Experimente Raum haben dürfen. „Eltern sollten sich von medialen Vorurteilen und Abwertungen lösen und stärker auf die Anstrengungen ihres Kindes erwachsen zu werden achten. In den Starke Eltern – Starke Kinder-Kursen für Eltern mit Kindern in der Pubertät vermitteln wir, welche verantwortungsvolle und aufregende Rolle es ist, sein Kind in diesem Abenteuer zu begleiten“, so Tilmann Schrörs. Der Blick auf die positiven Seiten des Erwachsenwerdens lohnt sich.
In der Pubertät stark

Der Kinderschutzbund bietet im Rahmen seines Elternkursprogramms Starke Eltern – Starke Kinder eine Kursvariante für Eltern mit Kindern in der Pubertät an mit dem Titel „Aufbruch, Umbruch – kein Zusammenbruch“.
Ziel ist es, die positiven Seiten des jugendlichen Kindes in dieser besonderen Lebensphase im Blick zu behalten. Im Kurs wird vermittelt, wie Eltern in Kontakt mit ihren jugendlichen Kindern bleiben und auch in konfliktgeladenen Situationen den Familienalltag gelassen und souverän meistern. Tillmann Schrörs hat das Kurskonzept mitentwickelt.
Körperliche Entwicklung und Sexualität
Mit den körperlichen Veränderungen wächst das Bewusstsein, von anderen wahrgenommen zu werden. Der eigene Körper fühlt sich plötzlich anders an, riecht anders, bewegt sich anders, löst andere Gefühle aus. Viele Jugendliche vergleichen sich intensiv mit ihren Peers: Bin ich zu weit? Zu früh? Zu spät? Sehe ich normal aus? Will mich jemand? Bin ich „richtig“?
Wird Sexualität zu Hause tabuisiert, entstehen oft Scham, Unsicherheit oder Isolation. Jugendstudien betonen: Sexualaufklärung – in der Familie wie in der Schule und in den Medien – ist heute relevanter denn je. Denn sie bedeutet nicht nur Wissen über Körper und Verhütung, sondern auch Schutz vor Risikoverhalten, Grenzverletzungen und falscher Selbstwahrnehmung. Erwachsene sollten authentisch sein und Fragen ehrlich beantworten. Wenn Jugendliche ein Thema anschneiden, sollten sie mehr Informationen dazu bekommen. So erweitert sich das Wissen der Jugendlichen schrittweise bei jedem Gespräch – je nachdem wofür sie sich gerade interessieren und wie reif sie sind.
Abgrenzung von den Eltern
In früheren Generationen konnten Jugendliche sich leichter abgrenzen – durch andere Musik, andere Mode oder andere Werte: „Ich bin nicht wie ihr!“ Heute bleiben Eltern oft jugendlich, gehen auf Festivals, tragen ähnliche Kleidung, posten auf denselben Plattformen. Für Jugendliche wird es schwieriger, Bereiche zu finden, in denen sie sich wirklich unterscheiden können.
Das führt nicht selten zu heftigen Abgrenzungsprozessen. Streit, Provokation und scheinbares Desinteresse sind selten gegen die Eltern gerichtet – sondern Ausdruck der eigenen Identitätsbildung. Hilfreich ist, wenn Eltern die Lebenswelt ihrer Kinder respektieren, ohne sie zu vereinnahmen. Wer zu viel Nähe erzwingt, treibt Jugendliche oft in extreme Distanz.

Was Jugendliche brauchen
Jugendliche brauchen weniger Kontrolle, als manche Erwachsene glauben – und mehr Halt, als sie zugeben. „Liebe, Annahme und Vertrauen sind die Grundlagen für ein gesundes Aufwachsen“, so Tillmann Schrörs. Jugendliche brauchen Zuwendung, die ihnen Nähe bietet, ohne sie zu vereinnahmen, sowie Geduld, insbesondere in Phasen starker Stimmungsschwankungen. Verlässlichkeit bleibt wichtig, selbst wenn Grenzen immer wieder ausgetestet werden. Ebenso zentral ist der Respekt vor ihrer wachsenden Selbstbestimmung. Nicht zuletzt hilft es Jugendlichen, wenn Erwachsene ihnen zuhören, ohne sofort zu urteilen oder vorschnell Lösungen anzubieten.
Die SINUS-Jugendstudie zeigt: Jugendliche schätzen Partizipation. Sie wollen nicht nur angehört, sondern beteiligt werden. Erwachsene können dies vorleben, indem sie Gesprächspartner auf Augenhöhe bleiben und immer ansprechbar sind.
Eltern brauchen Erinnerung
Viele Missverständnisse lösen sich, wenn Eltern sich an ihre eigene Jugendzeit erinnern: Wie habe ich mich damals gefühlt? Was hat mir geholfen? Was hat verletzt? Dieser Rückblick schafft Empathie und Verständnis – und hilft Eltern, gelassener zu bleiben, wenn ihre Kinder ihnen plötzlich fremd vorkommen.
Gleichzeitig beginnt auch für Eltern eine neue Lebensphase. Die Kinder werden selbstständiger, die Verantwortung verändert sich, Freiräume entstehen. Eltern stehen vor eigenen Entwicklungsaufgaben: neue Rollen finden, Beziehungen neugestalten und das Älterwerden annehmen.
Schützen und loslassen
Eltern suchen oft klare Regeln oder eindeutige Handlungsempfehlungen: Wann muss ich eingreifen? Wann kann ich mein Kind laufen lassen?
Doch es gibt keine allgemeingültigen Antworten. Jede Familie ist ein eigener Kosmos – mit eigenen Werten, Bedürfnissen und Realitäten. Ziel ist nicht Perfektion, sondern ein lebendiger Dialog. „Eine gute Beziehung zeigt sich dann, wenn ein Mensch angstfrei Fehler machen kann, wenn ein Gespräch möglich ist, auch wenn das Thema schambesetzt ist. Wenn Jugendliche gelernt haben, dass ihnen die Liebe ihrer Eltern sicher ist, auch wenn sie etwas getan haben, mit dem die Eltern nicht einverstanden sind“, so Tillmann Schrörs.
Die meisten Jugendlichen meistern die Pubertät ohne gravierende Krisen. Gleichzeitig ist diese Phase verletzlich: Drogenkonsum, Essstörungen, Mobbing oder psychische Erkrankungen können auftreten. Eltern sollten immer in Kontakt mit ihrem Kind bleiben und früh Hilfe suchen, wenn sie sich ernsthafte Sorgen machen.
Eine prägende Zeit
Die Pubertät ist eine Lebensphase, in der Identität entsteht, Beziehungen sich neu sortieren, Werte ausprobiert werden und junge Menschen Schritt für Schritt ihren Platz in der Welt suchen.
Studien zeigen: Trotz Krisen sind Jugendliche optimistisch. Sie wollen gestalten, dazugehören und Verantwortung übernehmen. Erwachsene sollten ihnen zutrauen, diesen Weg zu gehen.
Wenn wir Pubertät nicht als Belastung betrachten, sondern als kostbare Entwicklungsphase, verändert das den Blick auf Jugendliche – und auf ihre Zukunft.
Konstanze Butenuth, Referentin für präventiven Kinderschutz, und
Johanna Kern, redaktionelle Leitung des Verbandsmagazins, Kinderschutzbund Bundesverband


