
Medien und Pubertät
Chats, Games, Likes und erste sexuelle Erfahrungen – digitale Medien gehören fest zum Alltag Jugendlicher. Sie prägen Identität, Beziehungen und Selbstwert, bergen aber auch Risiken. Um Jugendliche im digitalen Raum zu stärken, sind Begleitung, Medienkompetenz und offene Gespräche unverzichtbar.
Medien prägen jugendliche Lebenswelten
In der Pubertät verändern sich Körper, Gefühle, Beziehungen und das eigene Selbstbild – oft gleichzeitig und intensiv. Digitale Medien sind dabei ein selbstverständlicher Teil des Lebens von Jugendlichen. Sie bieten Räume für Austausch, Orientierung, Zugehörigkeit und Selbstausdruck.
Für viele Teens sind Chats, soziale Netzwerke, Games und Videos zentrale Orte sozialer Interaktion. Hier wird gelacht, gestritten, ausprobiert, geflirtet und Zugehörigkeit erlebt. Medien erfüllen damit wichtige entwicklungspsychologische Funktionen: Sie helfen bei der Identitätsfindung, beim Ablösen vom Elternhaus und beim Aufbau eigener sozialer Beziehungen und Netzwerke.
In der Pubertät wächst das Bedürfnis nach Autonomie, Anerkennung und Intimität. Gleichzeitig sind Impulskontrolle und Risikoeinschätzung häufig noch nicht vollständig ausgereift. Digitale Medien verstärken diese Spannung: Inhalte sind jederzeit verfügbar, Kommunikation ist schnell und teils öffentlich, Rückmeldungen kommen unmittelbar. Likes und Kommentare können das Selbstwertgefühl beeinflussen – positiv wie negativ.
In sozialen Netzwerken begegnen Jugendliche scheinbar perfekten, oft unerreichbaren Identitäten – etwa inszenierten Influencer*innen. Der Vergleich mit perfekten Körpern und Lebensstilen kann Selbstzweifel auslösen – besonders, wenn ungesunde Körperbilder oder Essstörungen verherrlicht werden. Online geraten junge Menschen schneller in Peergroups, die problematische Einstellungen gegenseitig verstärken.
Begleitung und Medienkompetenz
Elterliche Begleitung bedeutet nicht Überwachung, sondern Beziehung. Warum nicht einmal das Lieblingsspiel gemeinsam zocken? Jugendliche brauchen Erwachsene, die zuhören, Interesse zeigen und Gespräche anbieten – auch dann, wenn Themen unangenehm oder verunsichernd sind. Medienerziehung ist keine einmalige Regelabsprache, sondern ein fortlaufender Dialog, der sich an Alter, Reife und Lebenssituation orientiert.
Medienkompetenz umfasst mehr als technische Fertigkeiten. Sie bedeutet, Inhalte einzuordnen, Grenzen zu setzen, Rechte anderer zu achten und die eigenen Bedürfnisse zu reflektieren. Diese Fähigkeiten entwickeln sich nicht von allein – und sie betreffen nicht nur Kinder und Jugendliche. Auch Erwachsene sind gefordert, ihre eigenen Mediengewohnheiten, Vorbilder und Unsicherheiten zu reflektieren.
Hilfreich sind klare, nachvollziehbare Absprachen, die gemeinsam ausgehandelt werden. Wenn Jugendliche verstehen, warum Regeln gelten, und erleben, dass ihre Perspektive zählt, steigt die Bereitschaft zur Kooperation. Fehler gehören dabei dazu – sie sind Lernchancen, keine Beweise für elterliches Versagen.
Sexualität online: Zwischen Sexting, Pornos und Cybergrooming
Sexuelle Neugier gehört zur Pubertät – auch online. Laut der JIM-Studie 2025 kommt fast jeder dritte Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren – oft ungewollt – mit pornografischen Inhalten in Kontakt. Mainstream-Pornos vermitteln jedoch meist unrealistische Bilder von Körpern, Beziehungen und Sexualität. Umso wichtiger ist es, diese Inhalte einzuordnen und mit Jugendlichen darüber zu sprechen: Was wird gezeigt – und was nicht? Was ist realistisch, was nicht? Wo liegen die eigenen Grenzen?
Sexting, also das freiwillige Versenden erotischer Bilder oder Nachrichten, kann Teil jugendlicher Beziehungs- und Kommunikationsformen sein. Problematisch wird es, wenn Bilder ohne Einverständnis weitergeleitet oder zur Erpressung genutzt werden. Sextorsion, also die Erpressung mit sexualisiertem Bildmaterial, stellt eine ernstzunehmende Gefahr dar und kann Jugendliche massiv belasten.
Auch mit Cybergrooming, der Kontaktanbahnung durch Erwachsene mit dem Ziel der sexuellen Ausbeutung, sind Kinder und Jugendliche online konfrontiert. Laut der aktuellen Cybergrooming-Studie der Landesanstalt für Medien NRW war 2025 knapp ein Viertel der Kinder zwischen 8 und 17 Jahren davon betroffen. Bei rund 7 Prozent kam es zu einem Treffen mit einer erwachsenen Person.
Auch Minderjährige belästigen online, wie die bundesweite Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt: Die Zahl jugendlicher Täter*innen steigt (Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes).
Entscheidend ist, dass Betroffene wissen: Sie sind nicht schuld. Sie haben ein Recht auf Schutz und Hilfe. Die Beratungsstelle Safe im Recht vom Kinderschutzbund Frankfurt stellt beispielsweise solch ein Hilfsangebot bei digitaler Gewalt dar.
Madita Oeming, Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Sexualpädagogin sagt: „Sexuelle Online-Aktivitäten sowie digitale Grenzverletzungen sind heute fester Bestandteil des Medienalltags von Jugendlichen – und durchaus auch schon von Kindern. Wenn wir, als Gesellschaft und als Bezugspersonen, davor die Augen verschließen, verpassen wir die Chance, sie dabei zu begleiten und bestmöglich zu schützen.“
Prävention ist also ebenso wichtig wie Intervention. Aufklärung, Stärkung und klare Botschaften helfen: über Grenzen und Grenzverletzungen im Digitalen, über das Recht am eigenen Bild und darüber, wo Hilfe zu finden ist, was Betroffene tun und wie sie Täterstrategien erkennen können. Angstbasierte Abschreckung wirkt selten nachhaltig – vertrauensvolle Gespräche und Aufklärung hingegen schon.
Begleiten heißt stärken
Wir sollten Medien als Teil einer komplexen Lebenswelt Jugendlicher begreifen. Sie brauchen Orientierung, Schutz und Freiheit zugleich. Wer ihnen mit Respekt, Offenheit und Interesse begegnet, schafft die Grundlage dafür, dass sie sich auch bei Problemen anvertrauen.
Pubertät ist herausfordernd – sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene. Medien können diese Phase verkomplizieren, aber auch bereichern. Wichtig ist, die Lebenswelt junger Menschen nicht zu verteufeln, sondern sie zu begleiten, damit sie sich sicher, selbstbestimmt und kompetent in unserer digitalen Welt bewegen.
Elena Frense, Fachreferentin für Medien und Digitales,
Kinderschutzbund Bundesverband
Weitere Informationen
JIM-Studie 2025 – Jugend, Information, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger
Flyer F***. Ich werde mit Nacktbildern erpresst. So schützt Du Dich vor Sextorsion. Hrsg. von der EU-Initiative klicksafe in Kooperation mit Juuuport
„Lets Talk about Porno“. Sexualität, Identität und Pornografie. Arbeitsmaterialien für Schule und Jugendarbeit. Hrsg. von der EU-Initiative klicksafe in Zusammenarbeit mit pro familia München
Landesanstalt für Medien NRW (2025): Kinder und Jugendliche als Opfer von Cybergrooming – Zentrale Ergebnisse der 5. Befragungswelle 2025 – Sonderauswertung Kinder und Jugendliche.
Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes: Cybergrooming.
Madita Oeming: Aufgeklärt statt aufgeregt. Was Eltern heute brauchen, um ihre Kinder durch die digitale Pubertät zu begleiten.
Verlag: Rowohlt Polaris, 2026.



