
Hilfe in der Krise
Die Pubertät ist eine Zeit des Wandels, oft begleitet von Unsicherheiten. Nicht immer finden Jugendliche in ihrem Umfeld Menschen, mit denen sie offen über ihre Sorgen und Probleme sprechen können. Hier setzt das Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer an.
Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt: In der Pubertät schwanken Gefühle zwischen Euphorie und tiefer Verzweiflung. Hormone wirbeln Körper und Psyche durcheinander und Jugendliche beginnen, sich vom Elternhaus zu lösen. Sie suchen ihre Identität, orientieren sich stärker an Gleichaltrigen und hinterfragen bisherige Sicherheiten. Diese Phase ist aufregend – aber auch hochsensibel und verletzlich.
Für alle Sorgen ansprechbar
Das Kinder- und Jugendtelefon der Nummer gegen Kummer bietet jungen Menschen anonym und kostenlos Hilfe. Ohne ihren Namen zu nennen, können Kinder und Jugendliche über alles sprechen, was sie belastet – auch über Themen, die sie sich weder in der Familie noch in der Schule zu äußern trauen. Ziel in den Gesprächen ist es, Vertrauen zwischen der ratsuchenden Person und dem*der Berater*in aufzubauen.
„Gerade bei schambesetzten oder angstbeladenen Themen ist Anonymität entscheidend“, erklärt Kathrin Korndörfer, Beraterin des Kinder- und Jugendtelefons am Standort des Kinderschutzbundes Plauen. „Am Telefon höre ich zu, nehme die Sorgen ernst und suche gemeinsam mit den Jugendlichen nach Lösungsansätzen.“
Familiäre Konflikte: Ein häufiges Thema
Ein zentrales Thema vieler Anrufe sind Konflikte innerhalb der Familie. Jugendliche berichten von Leistungsdruck, Streit mit Eltern oder Geschwistern, aber auch von körperlicher oder psychischer Gewalt, Alkoholmissbrauch eines Elternteils oder sogar sexuellem Missbrauch.
Auch Trennungen und Scheidungen der Eltern hinterlassen tiefe Spuren. „Viele Kinder und Jugendliche fühlen sich in diesen Situationen hin- und hergerissen, schuldig oder allein gelassen“, berichtet Kathrin Korndörfer. „Am Telefon erleben sie erstmals einen geschützten Raum, in dem sie alles aussprechen dürfen.“
Erste Liebe und Unsicherheiten
Die Jugend ist auch die Zeit der ersten Liebe. Verliebtheit, Eifersucht, Liebeskummer – all das gehört dazu. Gleichzeitig nehmen Unsicherheiten rund um den eigenen Körper stark zu. Fragen wie „Ist mein Körper normal?“ oder „Passe ich in die Erwartungen meines Umfelds?“ beschäftigen viele Jugendliche.
„Wir beobachten in den letzten zwei bis drei Jahren eine Zunahme von Anrufen, in denen Jugendliche große Unsicherheiten bezüglich ihres Körpers oder ihrer sexuellen Identität äußern“, sagt Kathrin Korndörfer. Besonders junge Menschen, die sich nicht in klassische Geschlechterrollen einordnen oder homosexuell sind, erleben Ausgrenzung – vor allem in ländlichen Regionen. Auch ungewollte Schwangerschaften stellen für Heranwachsende eine enorme seelische Belastung dar. In solchen Fällen vermittelt das Kinder- und Jugendtelefon gezielt an regionale Beratungsstellen weiter.
Soziale Medien: Segen und Fluch
Instagram, TikTok oder Snapchat sind für Jugendliche zentrale Plattformen zur Kommunikation. Sie bieten Austausch, Orientierung und Gemeinschaft – aber auch Vergleich und Leistungsdruck. Influencer, Trends und idealisierte Körperbilder prägen das Selbstbild vieler junger Menschen.
„Der ständige Vergleich mit scheinbar perfekten Körpern führt bei Mädchen und Jungen zu großer Unzufriedenheit mit sich selbst“, erklärt Kathrin Korndörfer. Die Folgen können gravierend sein: Essstörungen, exzessiver Fitnesswahn oder ein dauerhaft negatives Selbstwertgefühl.
Auch Einsamkeit ist ein großes Problem. „Jugendliche sind heute so vernetzt wie nie, aber auch so einsam wie noch nie“, bemerkt die Beraterin. Cybermobbing verschärft die Lage. Digitale Ausgrenzung trifft Jugendliche oft rund um die Uhr. Viele reagieren mit Rückzug, selbstverletzendem Verhalten oder depressiven Symptomen.
Stärken statt kritisieren
Wie können Kinder und Jugendliche in dieser herausfordernden Lebensphase gestärkt werden? Für Kathrin Korndörfer ist die Antwort klar: Beziehung, Akzeptanz und Zuhören: „Eltern kann ich nur immer wieder den Rat geben, ihre Kinder so zu lieben, wie sie sind.“ Auch Eltern können sich an die Nummer gegen Kummer wenden – über das separate Elterntelefon.
Darüber hinaus spielt Prävention eine wichtige Rolle. Am Berufsschulzentrum Anne Frank in Plauen, an dem Kathrin Korndörfer als Lehrerin tätig ist, wird seit Kurzem das Schulfach „Glück“ unterrichtet. Die Schüler*innen lernen dort, ihre Stärken zu erkennen, bewusst einzusetzen und ihre Resilienz zu fördern. Um Jugendliche besser zu unterstützen, muss auch das System gestärkt werden, kritisiert Kathrin Korndörfer: „Es gibt viel zu wenig Schulsozialarbeit an den Schulen. Das Netz der Hilfsangebote muss dichter werden.“
Jugendliche brauchen Ermutigung statt ständiger Kritik. „Freiheit, Sicherheit und Sinn im Leben – das sind die Zutaten für langfristiges Glück“, sagt die Beraterin. „So helfen wir Jugendlichen, sich von den Erwartungen anderer zu lösen und ihren eigenen Weg zu finden.“
In einer Lebensphase voller Unsicherheiten zeigt sich: Ein offenes Ohr, Verständnis und professionelle Hilfe können entscheidend sein.
Johanna Kern, redaktionelle Leitung des Verbandsmagazins,
Kinderschutzbund Bundesverband
Fakten zum Kinder- und Jugendtelefon
77 Standorte bundesweit, davon 22 mit Jugendteams
117.934 Beratungen im Jahr 2024, davon:
82.963 am Kinder- und Jugendtelefon
13.631 online
20.278 am Elterntelefon
Geschlechterverteilung der Anrufenden:
Die schwer zu erreichende Zielgruppe der jungen Männer wird abgeholt.



