
Gemeinsam gegen Cybergrooming
Kinder und Jugendliche bewegen sich heute selbstverständlich im digitale Raum – und begegnen dort auch Gefahren. Cybergrooming, eine Form sexualisierter Gewalt im Internet, betrifft bereits viele junge Menschen und erfordert gezielte Prävention. Der Verein Internet-ABC e. V. hat gemeinsam mit dem Kinderschutzbund Bundesverband e.V. und der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) Unterrichtsmaterial für Grundschulen entwickelt, um Cybergrooming vorzubeugen.
Was ist Cybergrooming?
Cybergrooming bezeichnet die gezielte Kontaktaufnahme von Erwachsenen mit Kindern oder Jugendlichen über digitale Medien mit dem Ziel, sexuelle Handlungen vorzubereiten oder zu initiieren. Täter nutzen Chats, soziale Medien, Messenger oder Online-Spiele, um Kontakt aufzunehmen und Vertrauen aufzubauen. Häufig geben sie sich als Gleichaltrige aus, machen Komplimente, zeigen Verständnis oder schenken besondere Aufmerksamkeit. Schrittweise werden Gespräche intimer, bis es zu sexualisierten Inhalten, dem Austausch von Bildern oder Aufforderungen für reale Treffen kommt.
In Deutschland ist Cybergrooming strafbar. Dennoch bleibt es oft unbemerkt, da die Kontaktaufnahme im privaten digitalen Raum stattfindet. Viele betroffene Kinder schämen sich, fühlen sich unsicher oder wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Dadurch bleiben viele Fälle unentdeckt.
Wie viele Kinder und Jugendliche sind betroffen?
Cybergrooming ist kein Randphänomen. Laut einer Studie der Landesanstalt für Medien NRW aus Mai 2025 hat rund ein Viertel der 8- bis 17-Jährigen bereits Erfahrungen damit gemacht. Auch 16 Prozent der Kinder unter 14 Jahren haben bereits Cybergrooming erlebt.
Die Studie zeigt zudem, dass sich viele Kinder und Jugendliche mehr Unterstützung wünschen: 69 Prozent fordern mehr Aufklärung in der Schule. Die Zahlen verdeutlichen, wie wichtig frühe und kontinuierliche Präventionsarbeit ist – und dass es notwendig ist, die Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen.
Wie können Kinder und Jugendliche geschützt werden?
Um Kinder wirksam vor Cybergrooming zu schützen, sind mehrere Bausteine entscheidend. Dazu gehört eine frühe Aufklärung über Risiken im Netz ebenso wie die gezielte Stärkung der Medien- und Handlungskompetenz von Kindern. Wichtig sind außerdem verlässliche Bezugspersonen, die ansprechbar sind und Kinder ernst nehmen. Ergänzend braucht es klare Regeln für den Umgang mit persönlichen Daten und digitalen Kontakten.
Eltern, Schulen, pädagogische Fachkräfte, Polizei, Kinderschutzorganisationen und Medieninstitutionen müssen zusammenarbeiten. Kinder sollten problematische Situationen erkennen und wissen, dass sie jederzeit Hilfe suchen dürfen. Erwachsene wiederum brauchen Wissen über digitale Lebenswelten, um Kinder kompetent begleiten zu können. Nur durch gemeinsames Handeln und verlässliche Ansprechpersonen lässt sich Cybergrooming effektiv vorbeugen.
Gemeinsam gegen Cybergrooming
Prävention gelingt nur, wenn Kinder nicht nur über Gefahren aufgeklärt werden, sondern auch Schutzstrategien aktiv einüben. Aus diesem Ansatz entstand die Unterrichtsreihe „Gemeinsam gegen Cybergrooming“.
Der Internet-ABC e. V. setzt sich seit über 20 Jahren dafür ein, Kindern zwischen 5 und 12 Jahren einen sicheren und selbstbestimmten Umgang mit dem Internet zu ermöglichen. Auf der Lernplattform internet-abc.de finden sie einen geschützten Raum, um spielerisch Wissen und digitale Kompetenzen zu erwerben und diese direkt anzuwenden. Alle Beiträge werden vormoderiert. Eltern erhalten praxisnahe Tipps für den Medienalltag, Lehrkräfte kostenlose Unterrichtsmaterialien und Qualifizierungsangebote.
Die Materialien zur Cybergrooming-Prävention wurden vom Internet-ABC e. V. gemeinsam mit Expert*innen entwickelt. Der Kinderschutzbund Bundesverband e.V. und die ProPK brachten ihre Expertise ein. Lehrkräfte testeten die Materialien im Unterricht und gaben wertvolle Rückmeldungen. So entstand ein umfassendes Materialpaket, das Grundschulen bei der Prävention unterstützt. Aus der Zusammenarbeit der drei Institutionen entstand das Bündnis „Gemeinsam gegen Cybergrooming“.
Wie funktioniert das Unterrichtsmaterial?
Die Unterrichtsreihe „Gemeinsam gegen Cybergrooming“ setzt im Schulunterricht an. Sie richtet sich in erster Linie an Lehrkräfte, die ihre Klassen altersgerecht für die Gefahren des Internets sensibilisieren und Schutzstrategien vermitteln möchten. Eine spielerische Rahmengeschichte bildet den Kern: Die Schüler*innen begleiten das Eichhörnchen Flizzy, das beim Spielen im Netz auf merkwürdige Nachrichten und fremde Personen stößt. Gemeinsam helfen sie Flizzy aus der Gefahr und lernen dabei, wie sie sich selbst schützen können.
Für die Durchführung benötigen Lehrkräfte eine Projektionsmöglichkeit und internetfähige Geräte für die halbe Klasse. Die Materialien lassen sich auch analog bearbeiten; empfohlen wird jedoch die digitale Arbeit, um den sicheren Umgang im Netz praxisnah zu üben. Ein zentrales Element ist das Abschlusstraining „Flizzy in Gefahr“, bei dem die Klasse das Gelernte anwendet. Pädagogische Begleitung ist dabei unverzichtbar, da Kinder möglicherweise eigene Erfahrungen mit Cybergrooming offenbaren.
Zur Einbindung der Eltern stehen vorformulierte Elternbriefe zur Verfügung; ein Elternabend vor Beginn der Reihe wird empfohlen. Ergänzend bietet das Material Checklisten und Hinweise zu Präventions- und Schutzkonzepten an Schulen.
Die Unterrichtsreihe kann auf der Website des Internet-ABC heruntergeladen werden:
internet-abc.de/…/unterrichtsreihe-gemeinsam-gegen-cybergrooming
Was lernen Kinder dabei?
Die Unterrichtsreihe vermittelt Kindern, was „Cybergrooming“ ist und wie sie Warnsignale bei unangemessenen Online-Kontakten erkennen. Sie lernen ihre eigenen Grenzen klar zu benennen, „Nein“ zu sagen und Situationen zu beenden, die sich nicht gut anfühlen. Gleichzeitig werden sie darin gestärkt, Hilfe zu suchen und wissen am Ende, an wen sie sich in einer Gefahrensituation wenden können. Schutzstrategien wenden sie direkt an. Darüber hinaus lernen sie verantwortungsvoll mit persönlichen Daten im Internet umzugehen. Durch die Arbeit an der Rahmengeschichte und die Unterstützung von Flizzy erleben Kinder Selbstwirksamkeit und erkennen, dass sie aktiv zu ihrem eigenen Schutz beitragen können.
Cybergrooming ist eine reale und weit verbreitete Gefahr. Prävention muss deshalb früh, niedrigschwellig und umfassend ansetzen. Die Unterrichtsreihe „Gemeinsam gegen Cybergrooming“ zeigt, wie kindgerechte Aufklärung gelingt und wie Schulen, Eltern und Fachstellen gemeinsam Verantwortung übernehmen. So wird aus digitaler Unsicherheit Schritt für Schritt digitale Stärke.
Paulina Roloff,
Leitung von Verein & Projekt, Internet-ABC e. V.

