
Diese Zeit fuckt krass ab
Was denken Jugendliche über die Pubertät? Wie fühlen sie sich in dieser Lebensphase? Im Kinder- und Jugendtreff BLAUER ELEFANT in Kiel finden sie einen Ort für Begegnungen mit Gleichaltrigen, kostenfreie Freizeitangebote und Unterstützung bei schulischen oder persönlichen Problemen. Jennifer Lippok, Leiterin des Jugendtreffs, hat nachgefragt.
Um über die Pubertät zu schreiben, war mir klar, dass ich dafür Experten brauche – und zwar die Jugendlichen, die uns besuchen. Daher habe ich das Gespräch gesucht. Es zeigte sich schnell, dass bei fast allen unserer Besucher*innen ein großes Mitteilungsbedürfnis zu dieser Lebensphase besteht und es entstanden zahlreiche Gespräche, die mich in ihrer Intensität und Klarheit nachdenklich machten.
Körperliche Veränderungen, psychische Belastungen
Die Lebensphase der Pubertät wird häufig zuerst mit den körperlichen Veränderungen verknüpft. Die Aussage einer Jugendlichen „In der Pubertät habe ich so viel zugenommen. Das fuckt mich immer noch richtig ab“, lässt zusätzlich einen strenger werdenden Blick auf den eigenen Körper und möglicherweise einen Anstieg von Scham und Unzufriedenheit vermuten. Insbesondere im Zusammenhang mit dem Streben nach sozialer Anerkennung wird die damit einhergehende Belastung deutlich.
Insgesamt berichteten mehrere unserer Besucher*innen offen von psychischen Belastungen. So äußert ein 17-jähriger Oberstufenschüler, er sei „mit 14 todes-depressiv geworden“, während eine andere Jugendliche ihren Zustand völliger Erschöpfung folgendermaßen beschreibt: „Ich hatte erstmal einfach keine Energie, für gar nichts. Auch für die Schule konnte ich einfach nichts machen, obwohl ich sogar eigentlich wollte.“
Zu viel Druck, zu hohe Erwartungen
Einige weitere Aussagen verdeutlichten, dass die Schule als zentraler Bereich des Alltags von Jugendlichen mit ihren Leistungsanforderungen und sozialen Dynamiken psychische Belastungen in der Pubertät verstärkt oder auslösen kann. Wie diese Herausforderungen verarbeitet werden, hängt insbesondere vom häuslichen Umfeld ab. Diesbezüglich berichteten einige der Jugendlichen einerseits von hilfreichen und vertrauensvollen Beziehungen zu ihren Erziehungsberechtigten, andererseits jedoch auch von zu hohen Erwartungen, die für sie zusätzlichen Druck bis hin zu Überforderung in einer Lebensphase bedeuten würden, in der sie sich zunächst selbst kennenlernen und ausprobieren sollten. So äußert ein 15-jähriger Jugendlicher: „Alle erwarten irgendwas von einem. Am schlimmsten die Eltern. Irgendwann geht es nur noch darum, was man später mal macht und so. Keine Ahnung, was ich mache. Richtig schlimm“ und eine 14-jährige Treffbesucherin hielt fest: „Eltern, Lehrer und alle bräuchten eigentlich nur mehr Verständnis. Manche wollen es ja zeigen, aber irgendwann vergessen sie es dann trotzdem“. Der Satz des Mädchens steht stellvertretend für den Wunsch einiger Jugendlicher, die sich keine perfekten, sondern verlässliche und vertrauensvolle Erwachsene in ihrem Leben wünschen.
Die schlimmste Zeit meines Lebens
In einem Punkt waren sich auf jeden Fall alle Jugendlichen, mit denen ich gesprochen habe, erstaunlich einig: „Die Pubertät ist die schlimmste Zeit meines Lebens“. Das 13. Lebensjahr wurde dabei mehrfach als „das schlimmste Lebensjahr ever“ ausgemacht. Vielleicht, weil dieses Alter zumeist den Beginn einer Phase vieler Veränderungen sowie auch steigender Anforderungen markiert. Diese kann zwar aufregende und interessante Aspekte mit sich bringen, genauso aber auch zu umfangreichen emotionalen Schwierigkeiten und Belastungen führen.
Für uns als Einrichtung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zeigte sich durch diese intensive Beschäftigung mit dem Thema Pubertät einmal mehr, wie wichtig niedrigschwellige Räume und vertrauensvolle Beziehungen innerhalb sowie außerhalb der Familie für Heranwachsende sind. So ist die Pubertät eben nicht nur eine vieler Lebensphasen, sondern eine prägende Zeit, in der junge Menschen Begleitung und ernst gemeintes Zuhören brauchen.
Jennifer Lippok,
Leitung des Kinder- und Jugendtreffs BLAUER ELEFANT, Ortsverband Kiel

Freedom
Es gibt Worte, die uns verfolgen. Bei mir ist es Freedom.
Ein Wort, das ich durch einen Anime das erste Mal richtig wahrgenommen habe. Dieser Anime hat dem Wort für mich eine Bedeutung gegeben. Es war das Wort, das mich in ein Loch geschubst hat und das, was mich wieder aufgebaut hat.
Mit 13…
hatte ich das Gefühl, dass alles, was ich in mir trug, viel zu groß für mein Alter war. Ich war sensibel, verletzlich, schnell überfordert. Dinge, die andere locker weggesteckt haben, haben mich komplett zerstört. Ich habe mir Sorgen gemacht, die für mein Alter zu schwer waren. Ich habe mich selbst verurteilt, härter als jeder andere es getan hätte. Gleichzeitig gingen mir Streitereien innerhalb der Familie viel zu nah. Die waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Mit 14…
wurde alles noch verwirrender. Ich habe mich selbst beobachtet wie ein Fremder. Meine Gedanken, meine Wünsche, meine Nähe zu Menschen alles fühlte sich an, als hätte ich keine Kontrolle darüber. Ich habe versucht, mich zu verstehen, aber je mehr ich versucht habe, desto mehr habe ich mich verloren. Ich habe viel geweint und tue es auch immer noch. Und ich dachte, ich wäre falsch. Ich dachte, irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich dachte, ich sei ganz allein mit diesen Gedanken.
Mit 15…
wurde es dunkel. Die Art Dunkelheit, die nicht laut ist, aber gleichzeitig schreit. Ich habe aufgehört zu fühlen. Ich war leer, nicht glücklich, aber auch nicht traurig. Eher wie ein Schatten von mir selbst. Der Winter 2024 war der Tiefpunkt. Mein Herz hat sich angefühlt, wie von schwarzem Nebel umhüllt, schwer, kalt. Und Freedom, das Wort, das ich durch einen Anime entdeckt habe, war etwas, das mich runtergezogen hat, weil ich dachte: „Ich werde das nie erreichen.“
Aber irgendwann habe ich es verstanden. Freedom ist etwas, das jeder haben kann. Ich weiß selber noch nicht genau, wie es bei mir aussehen wird. Aber ich weiß, dass ich es irgendwann mal haben werde. Und so habe ich langsam angefangen, mich selbst wichtiger zu nehmen und nicht die Erwartungen anderer. Nicht die Stimmen, die mich runterziehen. Nicht das Bild, das ich dachte, erfüllen zu müssen.
Ich habe weniger Schule gemacht und ja, viele würden sagen, das ist falsch. Aber es hat mich gerettet. Ich habe meine Schule dennoch geschafft, bloß ohne Stress. Ich habe neue Erfahrungen gesammelt und ich habe gelernt, dass ich nicht kaputt bin, nur sensibel. Nur komplex. Nur echt. Nur ein Mensch mit Fehlern und Macken.
An Eltern:
Kinder sprechen oft nicht aus, was sie wirklich fühlen. Sie tragen Lasten, die ihr nicht sehen könnt. Manchmal reicht ein kleiner Streit, ein Satz, ein Blick und er hinterlässt eine Narbe. Hört euren Kindern zu. Redet ihre Probleme nicht klein. Denn was für euch ein Tropfen ist, kann für sie eine ganze Welle sein.
An Jugendliche:
Ihr müsst nicht sofort stark sein. Ihr müsst nur weitermachen. Nicht für die ganze Woche, nur für den nächsten Tag. Und lernt, Freude in kleinen Dingen zu sehen. Ein Spaziergang. Ein Lied. Ein Lachen. Eine Nachricht von jemandem, der euch wichtig ist. Diese kleinen Momente sind wie Lichtpunkte. Sammelt sie und haltet sie fest. Sie werden euch durch Zeiten tragen, in denen ihr nichts fühlt.
Elias M.

