
Vertrauen und Zeit schenken
Wenn junge Ehrenamtliche regelmäßig mit einem Grundschulkind spielen, Ausflüge unternehmen oder einfach zuhören, entstehen wertvolle Momente – für beide. Genau das ist die Idee hinter dem Projekt „Junge Patenschaften“ des Kinderschutzbundes Bielefeld, bei dem Schüler*innen, Studierende und Auszubildende ein Ehrenamt übernehmen. Es lässt starke Beziehungen entstehen und lehrt Verantwortung.
Fast jeden Donnerstag holt Anjuli ihr achtjähriges Patenkind von der Schule ab. Die 19-Jährige engagiert sich seit mehr als zwei Jahren im Projekt. Ihr Patenkind freut sich jedes Mal riesig auf die gemeinsame Zeit. Oft verbringen die beiden den Nachmittag bei Anjuli zuhause und backen. Während die Muffins im Ofen sind, spielen die beiden Memory oder plaudern. „Es ist für mich total schön, mit meinem Patenkind Zeit zu verbringen und es wachsen zu sehen“, sagt Anjuli. „Unsere Patenschaft klappt richtig gut, weil mein Patenkind und ich uns sehr ähnlich sind und wir Spaß an den gleichen Dingen haben. Für mich ist es sehr einfach, sie glücklich zu machen.“
Das Projekt im Überblick
Seit 2008 bietet der Kinderschutzbund Bielefeld mit den „Jungen Patenschaften“ Kindern im Grundschulalter Freizeitangebote. Gleichzeitig gibt das Projekt Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und circa 27 Jahren die Chance, sich sozial zu engagieren.
Viele Kinder wachsen in Familien auf, in denen Zeit, finanzielle Mittel oder persönliche Ressourcen knapp sind. Freizeitaktivitäten, Ausflüge oder kulturelle Erlebnisse bleiben oft aus. Hier setzen die jungen Pat*innen an: Mindestens zwei- bis viermal pro Monat verbringen sie Zeit mit ihrem Patenkind, holen es von der Schule ab, unternehmen etwas und bringen es nach Hause.
Derzeit gibt es 19 aktive Patenschaften in Bielefeld. Die meisten Pat*innen sind Studierende, die der Gesellschaft etwas zurückgeben und erste Erfahrungen im Umgang mit Kindern sammeln möchten. „Die Nachfrage nach jungen Pat*innen ist groß“, sagt Gisa Wesche, die das Projekt beim Kinderschutzbund leitet. „Ich versuche ständig neue Pat*innen zu gewinnen.“
Die Kinder profitieren von den gemeinsamen Aktivitäten, die sie stärken und den Eltern Entlastung bieten. Die Pat*innen lernen, Verantwortung zu übernehmen und wachsen an ihrer Aufgabe. Finanziert wird das Projekt von der Stiftung Diamant Software.
Begleitung und Unterstützung
Damit die Patenschaften gelingen, wählt der Kinderschutzbund die Ehrenamtlichen sorgfältig aus. Gisa Wesche holt von den Pat*innen vorab ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis ein und achtet darauf, dass Pat*in und Kind möglichst gut zueinander passen. Die Pat*innen und die jeweilige Familie prüfen dann in einer Kennenlernphase, ob sie sich ein Miteinander vorstellen können.
Nicht immer startet die Patenschaft so reibungslos wie bei Anjuli. Manche Eltern möchten anfangs bei den Treffen dabei sein oder haben Schwierigkeiten, sich an feste Absprachen zu gewöhnen. In solchen Fällen steht Gisa Wesche den Ehrenamtlichen zur Seite. Sie organisiert Austauschtreffen mit allen Ehrenamtlichen sowie gemeinsame Spiele- oder Kochnachmittage mit den jungen Pat*innen und ihren Patenkindern in den Räumen des Kinderschutzbundes. Zusätzlich erhalten die jungen Ehrenamtlichen Schulungen zum Beispiel zu Aufsichtspflicht, zum Kindeswohl und Erste-Hilfe-Kurse.
Gemeinsame Erlebnisse
Die Aktivitäten der Pat*innen sind vielfältig: Museumsbesuche, Fahrradtouren, Basteln, Kochen, Fußballspielen, Vorlesestunden oder ein Besuch auf dem Kinderfest – alles, was Spaß macht, und die Neugier weckt, ist willkommen. Für die Kinder bedeuten diese Erlebnisse nicht nur Abwechslung, sondern auch eine Stärkung ihres Selbstvertrauens und die Gewissheit: „Da ist jemand, der interessiert sich für mich und ist nur für mich da.“
Anjuli und ihr Patenkind denken sich immer wieder neue Unternehmungen aus: Sie gehen Minigolf spielen, Schlittschuh laufen oder sammeln Kastanien und basteln Tiere daraus. „Die regelmäßigen Treffen geben meinem Patenkind Struktur und Sicherheit. Sie genießt meine ungeteilte Aufmerksamkeit sehr“, sagt Anjuli. Sie weiß, wie wertvoll eine zusätzliche Vertrauensperson sein kann, denn sie hatte selbst als Kind eine Pat*in und schätzt diese Verbindung bis heute.

Einfach da sein
Anjuli ist gut zehn Jahre älter als ihr Patenkind. Ihre eigene Schulzeit liegt noch nicht lange zurück, deshalb versteht sie Konflikte, die in der Schule entstehen, oft besser als die Eltern. „Mein Patenkind ist sehr offen zu mir. Das zeigt, wie sehr sie mir vertraut“, sagt Anjuli. Sie genießt es, Zeit zu schenken, ohne erziehen zu müssen.
Anjuli spürt, wie wichtig sie für ihr Patenkind geworden ist: „Am Anfang war sie schüchtern und ruhig. Jetzt ist sie selbstbewusst und sagt, wenn ihr etwas nicht passt.“ Für Anjuli ist es erfüllend, bedingungslos da zu sein: „Ich kann ihr helfen und Fragen beantworten, die sie ihren Eltern vielleicht nicht stellen mag.“
Ein Gewinn für beide Seiten
Nicht nur die Kinder profitieren vom Projekt. Auch die Pat*innen wachsen an ihrer Aufgabe. Sie übernehmen Verantwortung, erleben, wie bereichernd es ist, für ein Kind da zu sein, und entwickeln soziale Kompetenzen, die ihnen im Studium, in der Ausbildung oder später im Beruf helfen.
„Man bekommt so viel zurück“, sagt Anjuli. Ein strahlendes Lächeln nach einem gelungenen Nachmittag, eine kleine Hand, die sich vertraut in die eigene schiebt, oder ein Dankeschön der Eltern – all das zeigt, wie sinnvoll dieses Engagement ist. Die Beziehungen, die in den Patenschaften entstehen, beruhen auf Vertrauen und Verlässlichkeit. Sie stärken, schützen und machen Mut. Das Projekt ist ein Gewinn für beide Seiten.
Johanna Kern, redaktionelle Leitung des Verbandsmagazins,
Kinderschutzbund Bundesverband

