
Undenkbar, aber wahr
Eine neue Dunkelfeldstudie enthüllt das erschreckende Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Deutschland. Fast 13 Prozent der Erwachsenen berichten, in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Die Ergebnisse zeigen, dass Missbrauch weit verbreitet ist – in Familien, im sozialen Umfeld und zunehmend auch digital. Der Kinderschutzbund fordert, Kinder und Jugendliche ernst zu nehmen sowie bessere Prävention und Versorgung.
Forschung gegen das Schweigen
Dass diese Studie zustande kam, ist ein Meilenstein. Seit Jahren wird kritisiert, dass es in Deutschland keine verlässlichen Zahlen zum tatsächlichen Ausmaß sexualisierter Gewalt gibt. Bisherige Schätzungen blieben lückenhaft, viele Betroffene wurden nie erfasst.
Umso wichtiger ist der Schritt, den das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim unternommen hat. Gemeinsam mit der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm, dem Kriminologischen Institut Heidelberg und dem Umfrageinstitut infratest dimap wurde erstmals eine repräsentative Befragung von Erwachsenen realisiert. Sie fragt nicht nur nach dem „Ob“, sondern auch nach den Umständen, den Tatkontexten, der Anbahnung und den Folgen der Gewalt.
Über 10.000 Menschen wurden angeschrieben, mehr als 3.000 beteiligten sich an der Befragung – ein hoher Rücklauf, der die Ergebnisse besonders aussagekräftig macht. Möglich wurde dies durch die Unterstützung der WEISSER RING Stiftung, des Vereins Eckiger Tisch und des Kinderschutzbundes.
Erschütternde Befunde
Die Studie legt offen, dass sexualisierte Gewalt in Deutschland kein Randphänomen ist, sondern ein weit verbreitetes Problem mit gravierenden Folgen:
Ein Fünftel aller Frauen betroffen: 20,6 Prozent der Frauen gaben an, in ihrer Kindheit oder Jugend Gewalt erlebt zu haben. Bei jungen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren lag der Anteil mit 27,4 Prozent sogar noch deutlich höher. Männer sind mit 4,8 Prozent ebenfalls betroffen, wenn auch seltener.
Familie als Tatort: Am häufigsten geschieht die Gewalt im direkten sozialen Umfeld – durch Eltern, Verwandte oder Bekannte. Die vermeintlich „sicheren Orte“ sind also oft die gefährlichsten. Männer berichteten zudem häufiger von Übergriffen in Vereinen, im kirchlichen Kontext oder in der Jugendhilfe.
Digitale Gewalt als neue Realität: Fast ein Drittel der Betroffenen schilderte Erlebnisse im digitalen Raum – von unerwünschten pornografischen Inhalten bis hin zu Druck, intime Bilder zu teilen. Besonders alarmierend: Mehr als 60 Prozent jener, die offline Gewalt erlebten, waren zusätzlich online betroffen.
Das Schweigen hält an: 37,4 Prozent der Befragten hatten zuvor nie über ihre Erfahrungen gesprochen. Scham, Angst und das Gefühl, dass ihnen ohnehin nicht geglaubt wird, halten viele bis heute davon ab, sich zu öffnen.
Schwere psychische Folgen: Die Studie belegt klar, dass Betroffene häufiger mit seelischen Erkrankungen kämpfen und ihr psychisches Befinden deutlich schlechter ist als das von Menschen ohne Missbrauchserfahrung.
Stimmen aus der Wissenschaft
Für die leitenden Wissenschaftler ist klar: Die Ergebnisse sind nicht nur ein Weckruf, sondern auch eine Grundlage für politisches und gesellschaftliches Handeln. „Es ist wichtig, dass wir die Forschung zum Ausmaß und den Kontexten sexualisierter Gewalt verstetigen und weiter voranbringen“, sagt Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Direktor des ZI. „Nur so können wir Präventionskonzepte und die gezielte medizinische Versorgung von Betroffenen wirklich verbessern.“
Koordinator der Studie Prof. Dr. Harald Dreßing ergänzt: „Wir sehen ein erhebliches Dunkelfeld, das trotz aller Fortschritte nicht kleiner geworden ist. Das zeigt, wie dringend wir geschützte Räume brauchen, in denen Menschen das Erlebte offen ansprechen können.“
Forderungen des Kinderschutzbundes
Für den Kinderschutzbund sind die Zahlen ein Aufruf zum Handeln. Präsidentin Prof. Dr. Sabine Andresen bringt es auf den Punkt: „In jeder Schulklasse sitzen statistisch gesehen mindestens drei Kinder, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Das Undenkbare ist möglich – und wir alle sind verpflichtet, hinzusehen, zuzuhören und den Kindern zu glauben.“
Aus den Ergebnissen leitet der Kinderschutzbund konkrete Forderungen ab:
Gesellschaftliche Sensibilisierung: Erwachsene im Umfeld von Kindern – ob Lehrkräfte, Erzieher*innen, Nachbar*innen oder Verwandte – müssen befähigt werden, Veränderungen bei Kindern zu erkennen und ernst zu nehmen.
Verbindliche Schutzkonzepte: Schulen, Kitas, Vereine und kirchliche Einrichtungen müssen wirksame und kontrollierte Schutzpläne entwickeln, um Kindern Sicherheit zu geben.
Digitale Prävention: Angesichts der hohen Zahlen im Online-Bereich brauchen wir Aufklärung über Risiken in sozialen Medien und klare Regeln zum Schutz von Kindern im Netz.
Sichere Anlaufstellen: Kinder und Jugendliche brauchen Orte, an die sie sich ohne Angst wenden können. Beratungsstellen müssen ausgebaut und bekannter gemacht werden.
Bessere Versorgung: Wer Gewalt erlebt hat, muss schnell und unkompliziert therapeutische Hilfe bekommen – unabhängig vom Wohnort oder finanziellen Mitteln.
Dauerhafte Forschung: Nur wenn das Dunkelfeld regelmäßig beleuchtet wird, lassen sich Entwicklungen erkennen und Präventionsmaßnahmen verbessern.
Juliane Wlodarczak, Pressesprecherin,
Kinderschutzbund Bundesverband
Sexualisierte Gewalt in Deutschland: Die wichtigsten Zahlen der Studie
12,7 % aller Befragten berichten von sexualisierter Gewalt in Kindheit/Jugend.
Das sind 5,7 Millionen Menschen in Deutschland. 20,6 % der Frauen sind betroffen, 4,8 % der Männer.
Unter jungen Frauen (18–29 Jahre) sind 27,4 % betroffen.
31,7 % erlebten Gewalt über digitale Kanäle (Social Media, Messenger, Chats).
37,4 % der Betroffenen haben nie über ihre Erfahrungen gesprochen.
Über 60 % der offline Betroffenen waren zusätzlich online betroffen.
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