
Sprechräume für Kinder
Kinder haben ein Recht auf Beratung – und auf jemanden, der ihnen zuhört. Die KiM-Zeit der Fachberatungsstelle „Kinder im Mittelpunkt“ des Kinderschutzbundes Münster bietet genau das: einen geschützten Raum in der Schule, in dem Kinder über Sorgen, Ängste und belastende Erlebnisse sprechen können. Ein Blick auf dieses Angebot zeigt, dass die KiM-Zeit das Recht auf Hilfe bekannt macht und Kinder stärkt.
Manche Kinder kommen aus reiner Neugier zur KiM-Zeit: „Was ist denn eine Beratung? Wie helft ihr Kindern denn?“ Manche Kinder haben Fragen zu dem der Beratungszeit vorausgegangenen Kinderrechte-Projekt. Aber Kinder kommen auch mit Sorgen, Ängsten, psychischen Belastungen und Trauer in die KiM-Zeit. Einige haben mittel- oder unmittelbar Gewalt erlebt. „In den Beratungen kann thematisch alles vorkommen, von Lampenfieber bis sexualisierte Gewalt“, sagt Anne Ostendorf, Diplom-Sozialpädagogin, Systemische Beraterin und Therapeutin im KiM-Zeit-Projekt.
Seit März 2021 bietet die Fachberatungsstelle „Kinder im Mittelpunkt“ die KiM-Zeit allen Grundschulen in Münster an. Jährlich konnten bislang 10-12 Grundschulen in Münster mit den dritten und vierten Klassen das Angebot nutzen. Die Beratungszeit folgt auf Projekte oder Workshops zu Kinderrechten, Gewalt oder Kinderschutz. 2024 wurden 264 Kinder in der KiM-Zeit beraten.
Forschung und Erfahrung zeigen: Präventionsarbeit zu Kinderrechten und Gewalt regt Kinder an, über eigene Erlebnisse und Erfahrungen nachzudenken. Dies kann dazu führen, dass sich gewaltbetroffene Kinder erstmals offenbaren. „Manchmal finden Kinder Worte für Situationen, die sie vorher nicht einordnen konnten oder sie erkennen, dass etwas nicht in Ordnung war, was ihnen widerfahren ist“, erklärt Anne Ostendorf. Deshalb ist es wichtig, nach der Bearbeitung solcher Themen ein Gesprächsangebot zu machen. „Kinder brauchen einen Ort für ihre Fragen, ihr Unverständnis, ihre Irritation oder vielleicht auch ihre Belastungen“, sagt Anne Ostendorf. Die KiM-Zeit schafft einen Raum dafür – mitten im Schulalltag.
KiM-Zeit als Einladung zum Gespräch
Die Idee hinter der KiM-Zeit ist, Kinder aktiv mit einem Beratungsangebot zu erreichen. „Es ist unsere Verantwortung auf Kinder zuzugehen, statt zu warten, dass sie zu uns kommen“, so Anne Ostendorf. Die Schule ist der ideale Ort, da Kinder dort den Großteil ihrer Zeit verbringen. Die Berater*innen verstehen sich als einen möglichen „Landeplatz“ für die Anliegen der Kinder – neben den vertrauten Bezugspersonen aus Familie oder Schule. „In der Schule gibt es oft gute interne Ansprechpartner*innen. Aber die Kinder überlegen ganz genau, wem sie was anvertrauen. Eine neutrale Person, die nichts mit der Schule zu tun hat, kann da hilfreich sein“, sagt Anne Ostendorf.

Freiwilligkeit als Prinzip
Die Teilnahme an der KiM-Zeit ist freiwillig. Nach der Vorstellung des Angebots in der Klasse entscheiden die Kinder selbst, ob sie ein Gespräch möchten und melden sich dafür an. Die Themen bestimmen sie. Eine Zustimmung der Eltern ist nicht notwendig, da das Konzept auf dem Recht der Kinder auf Beratung beruht. Dieses Recht ist im Sozialgesetzbuch (SGB VIII), § 8, Absatz 3 verankert. „Die meisten Kinder beraten wir einmal, aber manchmal reicht ein Termin nicht“, berichtet Anne Ostendorf. Je nach Bedarf folgen weitere Gespräche, bei denen auch schulische Fachkräfte oder Eltern einbezogen werden können – immer in Absprache mit dem Kind.
Die Eltern werden vorab durch einen Elternbrief über das Angebot informiert. Auch das Kollegium wird eingebunden. Gespräche finden einzeln oder – wenn gewünscht – mit einer vertrauten gleichaltrigen Person statt.
Die Inhalte der Gespräche bleiben vertraulich, sofern keine akute Kindeswohlgefährdung vorliegt. „Für uns steht die Berücksichtigung der kindlichen Perspektive im Mittelpunkt. Wir handeln nie hinter dem Rücken des Kindes, aber wir machen klar, wo unsere Schweigepflicht endet“, erklärt Anne Ostendorf. „Das Kind bleibt unser zentraler Ansprechpartner und wird durchgehend beteiligt.“
Was bewegt Kinder?
Die Themen, die Kinder mitbringen, sind so vielfältig wie sie selbst. Für die Kinder ist wertvoll, dass die Berater*innen sie ernst nehmen und zuhören. Manche fragen, wie sie sich gegen Übergriffe wehren können – inspiriert durch das vorangegangene Projekt oder den Workshop. Andere sprechen über Mobbing in der Schule, familiäre Konflikte, Ängste oder Erfahrungen mit Gewalt und Vernachlässigung. Auch Trauer, Schuldgefühle oder Einsamkeit kommen zur Sprache.
„Viele Kinder spüren, dass die KiM-Zeit ein sicherer Raum ist“, sagt Anne Ostendorf. Sie bringen Themen mit, die sie oft noch nie jemandem erzählt haben.“ In vielen Fällen geht es nicht um akute Gefahr, sondern um die Entlastung, einfach sprechen zu dürfen – ohne unterbrochen oder bewertet zu werden. Die Berater*innen des Projektes sind ausgebildete Fachkräfte. Sie wissen, wie sie reagieren müssen, und kennen Interventionsschritte. Dies gibt den Kindern Sicherheit. „Die Kinder merken, dass wir uns auskennen und ihnen helfen können“, so Anne Ostendorf.
Gespräche, die entlasten
Die Rückmeldungen der Kinder zeigen, wie die KiM-Zeit hilft. Viele berichten von Erleichterung, Dankbarkeit oder neuem Selbstvertrauen: „Nach der KiM-Zeit ging es mir viel, viel besser. Ich würde das gerne noch einmal machen.“ „Ich konnte meinen Kummer abgeben.“ „Ich fand das Angebot gut, weil man das machen konnte, ohne dass meine Familie das weiß.“ „Ich fühle mich jetzt nicht mehr allein und weiß, dass ich für manche Menschen wichtig bin.“
Besonders bemerkenswert ist: Einige Kinder nutzen das Angebot nicht, schätzen aber, dass es existiert. „Es ist ein toller Lerneffekt, wenn Kinder ihr Recht auf Beratung kennen“, freut sich Anne Ostendorf. „Auch wenn sie gerade nichts besprechen möchten, wissen sie, dass sie jederzeit zu uns kommen können.“
Voraussetzungen und Wirkung
Die KiM-Zeit ist kostenlos. Sie braucht einen ruhigen Raum in der Schule, der für mindestens einen Tag durchgängig zur Verfügung steht. Die Beratung erfolgt meist in der Woche nach dem Präventionsprojekt. Jedes Kind hat für das Gespräch so viel Zeit wie es dafür braucht. Die Schule bewirbt das Angebot bei den Kindern. Pro Klasse melden sich durchschnittlich fünf Kinder an. Wenn ein Kind langfristig Unterstützung braucht, bleiben die Mitarbeitenden der Fachberatungsstelle an seiner Seite oder leiten notwendige Schritte ein.
Die KiM-Zeit ist mehr als Beratung – sie ist ein Beziehungsangebot. Sie zeigt, dass Prävention nur wirkt, wenn sie Kindern nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Räume öffnet, in denen sie ihre Perspektive teilen dürfen. Die KiM-Zeit vermittelt: Ich darf sprechen. Ich werde gehört. Ich bin wichtig. In einer Rückmeldung heißt es: „Ich finde toll, dass Ihr Euch so eine Mühe für uns gebt!“ Diese Mühe lohnt sich – für jedes einzelne Kind.
Johanna Kern, redaktionelle Leitung des Verbandsmagazins,
Kinderschutzbund Bundesverband


