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Foto: ah_fotobox/iStock

Politik und Praxis

Engagiert für soziales Wohnen

Der Kinderschutzbund Kreisverband Ostholstein hat das Thema Wohnen zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht. Geschäftsführerin Kerstin Olschowsky berichtet, wie der Verband junge Menschen, Kinder und Familien unterstützt – und welche politischen Veränderungen sie für dringend notwendig hält.

Foto: DKSB KV Ostholstein

Warum hat der Kinderschutzbund Ostholstein das Thema Wohnen aufgegriffen?

KERSTIN OLSCHOWSKY: Wohnen ist ein existenzielles Grundbedürfnis und eine der wichtigsten sozialen Fragen unserer Zeit. Nicht nur obdachlose Menschen, Geflüchtete, Menschen mit Behinderung, ältere Menschen oder Menschen aus einkommensschwachen Haushalten kämpfen mit der Wohnraumsuche. Auch Familien, junge Erwachsene und bereits Haushalte mit mittleren Einkommen finden oft keinen passenden und bezahlbaren Wohnraum. 

Eine angemessene Wohnsituation und ausreichende Wohnungsgröße tragen zum Kinderschutz bei. Auch aus diesem Grund muss für Familien ausreichend geeigneter Wohnraum zur Verfügung stehen.

Was verursacht die angespannte Wohnraumsituation?

KERSTIN OLSCHOWSKY: Bundesweite wohnungsbaupolitische Fehlentscheidungen und Versäumnisse der vergangenen 25 Jahre haben zu der aktuellen Situation geführt: Dem Auslaufen der Bindungen von geförderten Wohnraum wurde nicht ausreichend gegengesteuert, kommunale Wohnungsbestände verkauft, öffentliche Liegenschaften meistbietend veräußert. Spekulationen mit Grundstücken, Mietpreiserhöhungen bei Neuvermietung und Modernisierungen haben die Preise weiter in die Höhe getrieben. Dennoch ist eine differenzierte Sichtweise auf einzelne Regionen und Orte sowie städtische und ländliche Gebiete erforderlich.

Wie sieht die Lage in Ostholstein aus?

KERSTIN OLSCHOWSKY: Auch in ländlichen Regionen wie Ostholstein fehlt bezahlbarer Wohnraum. In unserer Ferienregion gibt es zahlreiche Zweitwohnungen, die für wohnraumsuchende Personen nicht zur Verfügung stehen. Das betrifft sowohl unsere Mitarbeitenden als auch die Zielgruppen der Sozialen Arbeit. Die Mieten sind hoch und für viele unerschwinglich. Zudem ist Ostholstein eine der ältesten Regionen Deutschlands: Das Durchschnittsalter liegt bei 48,7 Jahren, über die Hälfte der Bevölkerung ist älter als 50. Wir brauchen dringend eine kinder-, jugend- und familienfreundliche Politik, die Wohnen und Nachhaltigkeit verbindet.

Wie erlebt der Kinderschutzbund Ostholstein den Wohnraummangel?

KERSTIN OLSCHOWSKY: Mit über 600 Mitarbeitenden in rund 85 Einrichtungen betreuen wir täglich 4.000 Kinder und Jugendliche. Auch unsere Mitarbeitenden kämpfen mit der Wohnraumsuche. In unseren Beratungen für Jugendliche, Eltern und Familien ist Wohnen oft ein zentrales Thema: wenn zu viele Personen auf sehr engem Raum leben, Mietsteigerungen zu finanziellen Problemen führen oder eine neue Anmietung durch eine prekäre Einkommens- oder Verschuldungssituation nicht gelingen mag und Mitbewerber*innen bevorzugt werden.

Wie fördert ihr Verband gemeinwohlorientiertes Wohnen?

KERSTIN OLSCHOWSKY: Wir unterstützen Familien und junge Menschen auf vielfältige Weise: Der Kinderschutzbund Ostholstein ist seit 2024 einer von vier paritätischen Gesellschaftern der WOHn-gut gGmbH. Sie hat die Aufgabe, Menschen aus den Einrichtungen der Gesellschafter bei der Wohnraumsuche zu begleiten und in eigenen Wohnraum zu vermitteln.

Außerdem ist der Kinderschutzbund Träger von vier Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Geflüchtete und zwei Wohneinrichtungen für Jugendliche. Wir unterstützen bei der Verselbständigung und der Anmietung von eigenem Wohnraum. Dafür arbeiten wir auch mit der WOHn-gut gGmbH zusammen. 

Für das Engagement eines Verbandes zum Thema Wohnen ist es wichtig, sich rechtlich sicher aufzustellen. Wir haben die Neue Wohngemeinnützigkeit, die im Jahr 2025 wieder eingeführt wurde, und das Thema Wohnen in unsere Satzung und konzeptionelle Überlegungen aufgenommen. So ist sichergestellt, dass die Leistungen für unsere Zielgruppen rechtlich möglich sind und unsere Gemeinnützigkeit nicht gefährden. Durch die Neue Wohngemeinnützigkeit bekommen Träger steuerliche Vorteile, wenn sie Wohnraum zu vergünstigten Mieten anbieten. 

Ein weiteres Projekt ist der „Wohnführerschein“ für junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren im Rahmen des Kooperationsprojektes „Jugend stärken – Brücken in die Eigenständigkeit“. An drei Standorten – Neustadt, Eutin und Oldenburg – werden Jugendliche auf das eigenständige Wohnen vorbereitet. 

In fünf Thementagen lernen sie, wie man sich bei Wohnungsbewerbungen präsentiert, Mietverträge versteht, eine Wohnung kostengünstig einrichtet und pflegt, Konflikte mit Vermietern oder Nachbarn löst und Finanzen plant. Am Ende erhalten sie ein Zertifikat, das ihre Fähigkeiten als verantwortungsbewusste Mieter belegt und ihre Chancen auf dem Wohnungsmarkt verbessert. 

Was wünschen Sie sich von den Kommunen und der Politik, damit sich die Wohnungsmarkt­situation verbessert?

KERSTIN OLSCHOWSKY: Kommunen und Politik müssen den Wohnungsmarkt stärker am Gemeinwohl ausrichten. Grundstücke sollten an gemeinwohlorientierte Projekte vergeben werden, mit verbindlichen Quoten für gefördertes Wohnen. Spekulationen müssen verhindert, kommunale Wohnungsbaugesellschaften und Bodenbevorratung gestärkt werden. 
Familienfreundliche Quartiere mit bezahlbarem Wohnraum sind nötig. Kreative Lösungen wie die Umnutzung von Gebäuden, gemeinschaftliche Wohnprojekte oder Wohnungstausch-Modelle – besonders für Senior*innen – sollten gefördert werden. Gemeinnützige Träger müssen in die kommunale Planung einbezogen werden. Sie brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und Förderungen, um selbst Wohnraum zu schaffen, zu sanieren oder umzuwidmen. 

Langfristig brauchen wir eine Politik, die über Legislaturperioden hinausdenkt, und eine Verwaltung, die Lösungen ermöglicht. Junge Menschen sollten aktiv eingebunden werden, etwa durch Formate wie den „Achterrat“, bei dem alle Achtklässler aus allen Schulformen einer Kommune ihre Ideen direkt mit Politiker*innen und den Verantwortlichen der Kommunalverwaltung diskutieren. Die Einbeziehung aller Schulformen sowie die konkret erlebte Selbstwirksamkeit sind wichtige Aspekte in Beteiligungsformaten.

Entscheidend ist eine Gesellschaft, die Veränderungen aushält und mitträgt – auch wenn sie persönliche Einschränkungen bedeuten. Nur so schaffen wir nachhaltige Verbesserungen für alle.

Weitere Informationen:

kinderschutzbund-oh.de


Weitere Informationen zur WOHn-gut Ostholstein gGmbH:

wohngut-ostholstein.de

Ausgabe 25-4

Schwerpunkt

Jugendliches Engagement

Politik und Praxis

Kinder- und Jugendpolitik

Kinderschutz vor Ort

Impressum

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