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Foto: Judith Santer

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Zwei Kinder, ein neues Wir

Mit der Geburt eines zweiten Kindes verändert sich vieles in Familien. Wie Eltern ihre Kinder auf ein Geschwisterchen vorbereiten können und warum Streit zwischen Geschwistern wichtig ist, erfahren Eltern in dem Vortrag „Geschwister – Nähe, Reibung, Beziehung“, den der Kinderschutzbund Rosenheim drei- bis viermal jährlich anbietet.

Die Nachricht, dass ein weiteres Kind unterwegs ist, löst bei vielen Eltern Freude – und manchmal auch Unsicherheit aus. Was bedeutet das neue Familienmitglied für das erstgeborene Kind? Wie entsteht Geschwisterrivalität, und wie lässt sie sich möglichst vermeiden? Was tun, wenn die Kinder sich um das gleiche Spielzeug streiten? Solche Fragen stehen im Zentrum des Vortrags. Die Nachfrage ist konstant, der Austausch intensiv: Sechs bis acht Mütter und Väter nehmen pro Termin teil – und gehen am Ende mit dem Gefühl nach Hause, besser auf die Geschwisterdynamik vorbereitet zu sein.

Zwischen Vorfreude und Eifersucht 

Der Wunsch, alles richtig zu machen, begleitet viele Eltern schon in der ersten Schwangerschaft. Wenn dann das zweite Kind unterwegs ist, stellt sich oft eine neue Herausforderung: Wie bereite ich mein erstes Kind auf das neue Geschwisterchen vor? In den Vorträgen zeigt sich immer wieder, wie groß das Bedürfnis nach Orientierung ist. „Viele Eltern wissen nicht, wie viel sie ihrem Kind zumuten können“, berichtet Andrea Schedel, Erzieherin und Elternkurs-Regionalleitung beim Kinderschutzbund Rosenheim. „Fragen wie: Muss mein Kind seine Spielsachen teilen? Darf ich ihm sagen, dass ich meine Zeit gerade für das Baby brauche? – das beschäftigt viele Eltern.“
Ein besonders häufiges Thema ist die Überschneidung von Geburtstermin und Kita-Eingewöhnung. „Zwei große Veränderungen zur gleichen Zeit können ein Kind überfordern“, erklärt Rita Voggenauer, Erzieherin und erfahrene Elternkursleiterin. „Hier helfen konkrete Tipps und das Wissen, dass jede Familie ihre eigene Lösung finden darf – ohne starren Plan, dafür mit viel Feingefühl.“

Foto: Judith Santer

Der Zauber der systemischen Sitzordnung 

Ein Konzept, das bei den Eltern besonders gut ankommt, ist die sogenannte systemische Sitzordnung: Eltern werden eingeladen, sich die Familienstruktur bildlich vorzustellen: Wer sitzt wo, wer hat welche Rolle? Wer trägt viel Verantwortung, wer braucht Schutz? Auch die Metapher eines Mobile, das das Gleichgewicht zwischen den Geschwistern symbolisiert, ist beliebt. Sie zeigt, dass jedes Kind seinen eigenen Platz hat und Eltern aktiv zur Balance beitragen können, ohne beide Kinder immer gleich behandeln zu müssen. Denn Gleichbehandlung bedeutet nicht dasselbe wie Gerechtigkeit – eine entlastende Erkenntnis für viele Eltern. „Geschwister haben einander nicht ausgesucht, sie sind eine Schicksalsgemeinschaft und die längste Beziehung unseres Lebens“, sagt Rita Voggenauer. „Kinder müssen sich nicht automatisch mögen, nur weil sie Geschwister sind. Aber mit unserer Unterstützung können sie herzliche Gefühle füreinander entwickeln.“

Streit gehört dazu – und hat eine Funktion 

Der Klassiker unter den Themen ist und bleibt der Geschwisterstreit. Schon Kleinkinder zanken sich um Spielsachen, Plätze auf dem Sofa oder die Aufmerksamkeit der Eltern. Viele Mütter und Väter fühlen sich hilflos, wenn der Streit eskaliert. Doch Andrea Schedel beruhigt: „Streit ist normal – und sogar wichtig für die Entwicklung. Kinder lernen dabei, ihre Interessen zu vertreten, Kompromisse einzugehen und mit Frust umzugehen.“
Hilfreich für Eltern ist der Leitfaden „Geschwisterstreit begleiten“ des Kinderschutzbundes Rosenheim, der im Vortrag vorgestellt wird und auf der Website abrufbar ist. Er zeigt praxisnah, wie Eltern Konflikte nicht unterdrücken, sondern sinnvoll begleiten können. Das bedeutet: Nicht sofort eingreifen, nicht automatisch Partei ergreifen – sondern Raum geben für altersgemäße Aushandlungsprozesse. Sätze wie „Ich sehe, dass ihr euch streitet. Was ist euer Problem? Ich helfe Euch, selbst eine Lösung zu finden. Ihr schafft das.“ können helfen. Bei kleinen Kindern kann es notwendig sein, Vorschläge zu machen: „Könntet ihr euch abwechseln? Wie könntet ihr das lösen?“

Die Großen sind keine Babysitter 

Ein weiteres Thema, das viele Eltern beschäftigt: Darf ich meinem älteren Kind Verantwortung für das jüngere übertragen? Die klare Antwort der beiden Erzieherinnen: ja, aber mit Augenmaß. Kinder dürfen einander helfen, sie dürfen (altersgemäß) Verantwortung erleben. Aber sie dürfen nicht zum Ersatz-Elternteil werden oder Verantwortung für das Verhalten des jüngeren Geschwisterkindes übernehmen. Das „Große“ ist kein Babysitter und hat ein Recht darauf, selbst Kind zu sein. Auch hier gilt: Es kommt immer auf die jeweilige Familiensituation und die individuelle Persönlichkeit der Kinder an, pauschale Antworten gibt es nicht.

Wertvoller Austausch auf Augenhöhe 

In der Rückschau ist es vor allem der Austausch untereinander, den die Teilnehmenden als besonders wertvoll wahrnehmen. „Es tut gut zu hören, dass andere Eltern ähnliche Sorgen haben“, sagt eine Mutter. „Und es hat mir sehr geholfen, dass es keine perfekten Lösungen gibt, sondern nur passende Wege für die eigene Familie.“ Den eigenen Erfahrungen und Gefühlen Raum zu geben, auch Ängste offen äußern zu können, das gelingt vor allem in kleineren Gruppen. „Uns ist es wichtig, dass unsere Kursleitungen nicht nur fachlich kompetent sind, sondern eine einladende, offene und wertschätzende Atmosphäre in den Vorträgen und Kursen schaffen. Eltern sind für uns die Experten für ihre Lebenswelt und so begegnen sich Kursleitung und Eltern auf Augenhöhe“, betont Barbara Heuel, Geschäftsleiterin und selbst Elternkurstrainerin. 

Die Vorträge zeigen eindrücklich: Geschwisterbeziehungen sind komplex – voller Nähe, Reibung, Liebe und Konkurrenz. Eltern können diese Prozesse nicht kontrollieren, aber sie können sie klug begleiten. Mit Aufmerksamkeit, Humor und der Bereitschaft, sich selbst immer wieder zu hinterfragen.

Mehr Informationen zu den Angeboten und Terminen des Kinderschutzbundes Rosenheim unter: 

kinderschutzbund-rosenheim.de

Systemischer Blick auf Geschwister 

Geschwisterbeziehungen sind wandelbar – sie entstehen im Zusammenspiel des Familiensystems. Der systemische Ansatz betrachtet nicht nur das Verhalten einzelner Kinder, sondern die Dynamik zwischen allen Beteiligten. 
Bei einer systemischen Sitzordnung werden Personen bewusst im Raum angeordnet. Dies dient dazu, Allianzen oder Spannungen sichtbar zu machen, Hierarchien oder Ausschlüsse im Familiensystem zu erkennen und Perspektivwechsel zu ermöglichen.


Ausgabe 25-3

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