
Gemeinsam oder getrennt?
Wenn Kinder in schwierigen Verhältnissen aufwachsen und aus ihrer Familie genommen werden müssen, wird die besondere Situation von Geschwistern oft zu wenig berücksichtigt. Dr. Kristin Teuber, Leiterin des Sozialpädagogischen Instituts (SPI) des SOS-Kinderdorf e.V., erklärt, warum Geschwister in der stationären Kinder- und Jugendhilfe eine zentrale Rolle spielen und wie man besser mit ihnen umgehen kann.

Warum hat das SPI vor einigen Jahren einen Forschungsschwerpunkt zu Geschwistern eingerichtet?
KRISTIN TEUBER: Geschwister sind in der pädagogischen Arbeit der SOS-Kinderdörfer und der stationären Kinder- und Jugendhilfe sehr bedeutsam. Ihre Beziehungen und Dynamiken erhalten oft nicht die nötige Aufmerksamkeit. Die meisten Kinder, die wir aufnehmen, haben Geschwister. Manche leben gemeinsam in einem SOS-Kinderdorf, andere sind von ihren Geschwistern getrennt, weil diese bei ihren leiblichen Eltern, in einer anderen Einrichtung, Pflegefamilie oder bereits selbstständig leben. Im SOS-Kinderdorf teilen leibliche Geschwister oft den Alltag mit anderen Kindern und Jugendlichen, ihren sozialen Geschwistern. Der Forschungsschwerpunkt entstand, weil es an fundierten Verfahren für den Umgang mit Geschwistern in der Kinder- und Jugendhilfe mangelt. Unsere Aufgabe ist es, Erkenntnisse zu liefern, die helfen, Geschwisterbeziehungen zu verstehen und Kinder in der Praxis besser zu begleiten.
Wie prägen gemeinsame Erlebnisse die Beziehung von Geschwistern, die in Obhut genommen werden?
KRISTIN TEUBER: Jede Geschwistergruppe ist einzigartig. Grundsätzlich bedeuten Geschwister einander viel, doch das heißt nicht, dass sie sich immer guttun. Ihre Beziehungen sind oft ambivalent: Geschwister können einander stärken, aber auch schaden. Meistens sind die Bindungen eng, besonders wenn sie gemeinsam schwierige Erfahrungen in der Herkunftsfamilie gemacht haben. Diese Erlebnisse betreffen sie jedoch unterschiedlich – etwa wenn ein Kind Übergriffe erlebt hat, das andere aber nicht.
Geschwister können sich gegenseitig Schutz und Halt geben, aber auch Konflikte, Konkurrenz und Eifersucht prägen ihre Beziehung. Besonders problematisch wird es in Krisensituationen: Wenn Geschwister plötzlich aus der Familie geholt werden, entstehen andere Dynamiken, als wenn sich eine Trennung länger abzeichnet oder nur ein Kind betroffen ist. Jede Konstellation erfordert eine individuelle Betrachtung.
Wie werden Geschwister in der stationären Kinder- und Jugendhilfe untergebracht? Welche Bedürfnisse haben die Kinder und Jugendlichen?
KRISTIN TEUBER: Geschwister werden oft getrennt untergebracht und haben nicht immer Kontakt zueinander. Unsere Forschung zeigt jedoch: Sie wollen in der Regel zusammenbleiben. Doch in der Praxis fehlen oft Plätze, besonders in Krisensituationen. Es gibt kaum Einrichtungen, die Geschwistergruppen aufnehmen können. Ein Beispiel ist das SOS-Geschwisterhaus in Bremen, das ständig ausgelastet ist und auch Kinder aus anderen Bundesländern aufnimmt.
Das Jugendamt erstellt für jede Unterbringung einen Hilfeplan, der festlegt, ob Geschwister zusammenbleiben oder getrennt werden. Dabei wird meist das einzelne Kind betrachtet, weniger die Dynamik der Geschwistergruppe. Zwar schreibt das Gesetz inzwischen vor, Geschwisterbeziehungen in der Hilfeplanung zu berücksichtigen und zu fördern, doch in der Praxis ist das nicht selbstverständlich. In größeren SOS-Einrichtungen leben jüngere Kinder oft in einer Kinderdorffamilie, ältere in einer Wohngruppe – so bleiben sie zumindest in der Nähe. Wenn Geschwister getrennt werden, muss der Kontakt aktiv unterstützt werden.
Welche Herausforderungen gibt es bei der Unterbringung?
KRISTIN TEUBER: Der größte Engpass sind die fehlenden Plätze. Jugendämter berichten uns das immer wieder. Hinzu kommen fachliche Hürden: Hilfepläne berücksichtigen Geschwister oft nicht ausreichend, da sie auf den Einzelfall ausgelegt sind. Dabei braucht es eine systemische Perspektive, die die Dynamik der Geschwistergruppe einbezieht. Auch Faktoren wie Anzahl, Alter, Geschlecht, Persönlichkeit und Entwicklungsstand der Kinder spielen eine große Rolle.
Fachkräfte stehen vor der Herausforderung, diese Dynamiken zu verstehen und gleichzeitig eine Gefährdungseinschätzung vorzunehmen. Häufig fehlen Zeit und Ressourcen, um die Beziehungen der Geschwister genauer zu betrachten und zu fördern. Wenn es gelingt, eine Geschwistergruppe gemeinsam unterzubringen ist es gut möglich, mit regelmäßigen Absprachen im Team und in wiederkehrenden Hilfeplangesprächen, die Situation der Geschwister im Blick zu behalten.
Erkundigen die Kinder in den Einrichtungen sich nach ihren Geschwistern?
KRISTIN TEUBER: Ja, das tun sie oft. Besonders getrennt untergebrachte Kinder wollen wissen, wo ihre Geschwister sind und wie es ihnen geht. Wenn der Verbleib ungewiss ist, belastet sie dies stark. Kinder, die allein aus der Familie genommen wurden, sorgen sich häufig um die Geschwister, die zurückgeblieben sind, und fühlen sich für sie verantwortlich. Auch wenn Geschwister in unterschiedlichen Einrichtungen untergebracht sind, kann das für die einzelnen Kinder schwierig sein.
Es ist entscheidend, dass Einrichtungen den Kontakt zwischen Geschwistern ermöglichen. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch haben Kinder ein Recht auf Umgang miteinander, aber leider kein Recht auf eine gemeinsame Unterbringung. Fachkräfte müssen dafür sorgen, dass Geschwisterbeziehungen gepflegt werden. Positive Effekte, die sich aus dem Kontakt ergeben, sollten unbedingt gestärkt werden.
Bei Careleavern sehen wir, dass Geschwisterbeziehungen mit dem Auszug noch einmal eine höhere Bedeutung bekommen. Die Geschwister werden sehr stark als Ressource wahrgenommen, mehr als die Eltern. Denn das Verhältnis zu den Eltern ist oft konfliktbehaftet. Schwierige Aspekte der Geschwisterbeziehung sollten bearbeitet werden, damit sich die Geschwister im Laufe des Lebens zur Seite stehen können. Das ist für junge Erwachsene besonders wichtig, wenn sie nicht auf ihre Eltern zurückgreifen können.
Wie wichtig sind Geschwister für die Entwicklung?
KRISTIN TEUBER: Geschwister sind prägende Sozialisationspartner. Sie lernen voneinander, probieren Dinge gemeinsam aus und wachsen oft eng verbunden auf. Auch in Konkurrenzsituationen entwickeln sie sich weiter. Geschwister sind sich meist lebenslange Begleiter.
Wann ist es sinnvoll, Geschwister getrennt unterzubringen?
KRISTIN TEUBER: Grundsätzlich sollten Geschwister zusammenbleiben. Doch in Konfliktfällen kann eine Trennung notwendig sein, etwa bei Übergriffen oder Missbrauch unter Geschwistern. Auch wenn ältere Geschwister übermäßig Verantwortung für jüngere übernehmen mussten, kann eine Trennung beiden helfen, sich besser zu entwickeln. Starke Abhängigkeiten, Rivalitäten, große Altersunterschiede oder spezielle Förderbedarfe können ebenfalls Gründe sein, Geschwister getrennt unterzubringen. Wichtig ist, immer zuerst zu prüfen, ob ein gemeinsames Leben möglich ist.
Was muss sich ändern, um Geschwistern in der stationären Kinder- und Jugendhilfe besser zu helfen?
KRISTIN TEUBER: Geschwister sollten in der Jugendhilfe stärker berücksichtigt werden. Wir brauchen mehr Plätze, die Geschwistergruppen aufnehmen können, auch in Krisensituationen. Einrichtungen sollten Kapazitäten für mehrere Geschwister vorhalten, was derzeit oft an finanziellen Zwängen oder Belegungsvorgaben scheitert.
Zudem braucht es klare fachliche Standards: Wie analysiert man Geschwisterdynamiken? Welche Kriterien gelten für die Hilfeplanung? Eine statistische Erfassung von Geschwistern in der Jugendhilfe wäre ebenfalls hilfreich. Kinder, die getrennt untergebracht sind, sollten regelmäßig Kontakt haben – das muss Standard werden. Nur so können wir Geschwisterbeziehungen stärken und den Kindern langfristig Halt geben.
Interview: Johanna Kern,
redaktionelle Leitung des Verbandsmagazins

