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Foto: Joao Viegas/Unsplash

Kinder- und Jugendpolitik

Zu wenig gehört

Bei der Bundestagswahl wählten junge Menschen mit höherer Bildung die Linke, jene mit weniger Bildung die AfD. Erklärt das Bildungsniveau also alles? Nein, sagt die Kinderschutzbund-Präsidentin Sabine Andresen: Junge Menschen wollen gehört werden

Junge Menschen haben bei der Bundestagswahl 2025 überdurchschnittlich oft die Ränder des politischen Spektrums gewählt. Während viele mit Abitur zur Linkspartei tendierten, entschieden sich Wähler*innen mit niedrigerem Bildungsabschluss eher für die AfD. Doch ist das wirklich nur eine Frage der Bildung? Soziale Unsicherheiten, politische Frustration und das Gefühl der Marginalisierung spielen eine entscheidende Rolle. Welche Faktoren prägen das Wahlverhalten junger Menschen – und wie kann Politik darauf reagieren?

Nach der vergangenen Bundestagswahl war die Überraschung groß: Junge Menschen haben der Linkspartei zu einem beispiellosen Comeback verholfen und gleichzeitig zu einem großen Anteil die AfD gewählt. Was ist da los? Sind demokratische Prinzipien von Ausgleich und Kompromiss in Gefahr? Oder steckt hinter den Zahlen ein differenzierteres Bild? Welche Faktoren beeinflussen das Wahlverhalten, und wie kann Politik darauf reagieren?

Bildung ist nicht die alleinige Erklärung

Ja, es gibt einen Zusammenhang zwischen Bildungsgrad und Wahlverhalten. Studien zeigen, dass junge Wähler*innen mit Hauptschulabschluss oder mittlerer Reife überdurchschnittlich oft AfD wählen, während Abiturient*innen eher zur Linkspartei tendieren. Daraus jedoch abzuleiten, dass mit steigendem Bildungsniveau die politische Orientierung nach links tendiert, griffe zu kurz. Wahlen sind nicht nur Ausdruck von Wissen oder kognitivem Erfassen politischer Prozesse, sondern auch von Gefühlen, Ängsten und sozialen Realitäten. 

Junge Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau haben oft ein stärkeres Bewusstsein für ihre begrenzten Aufstiegschancen. Wer wenig Perspektiven sieht, verliert schneller das Vertrauen in etablierte Parteien und ist empfänglicher für Protestwahlen. Das erklärt zum Teil den Erfolg der AfD in dieser Gruppe. Die Linkspartei hat im Gegensatz dazu erfolgreich mit Themen wie Verteilungsgerechtigkeit, hohen Mieten und guter Bildung für alle geworben und gezielt soziale Unsicherheiten adressiert. 

Das Gefühl der politischen Marginalisierung 

Jugendliche sind keine homogene Gruppe, aber ein Muster ist erkennbar: Viele haben das Gefühl, dass sie von den regierenden (Volks-)Parteien nicht gehört werden. Die Corona-Pandemie hat dies noch verstärkt. Junge Menschen waren bereit, solidarisch Einschränkungen hinzunehmen, erhielten aber kaum Rücksichtnahme im politischen Diskurs. Während Renten und wirtschaftliche Stabilität oft prioritär behandelt werden, fühlen sich Jugendliche mit ihren Sorgen um Zukunft, Bildung und Wohnraum übergangen. 

Dieses Gefühl der Vernachlässigung ist eine offene Flanke, in die populistische Parteien stoßen. Die AfD nutzt soziale Medien strategisch, um einfache Erklärungen und klare Feindbilder zu präsentieren. Sie bietet eine scheinbare Antwort auf eine als chaotisch und ungerecht empfundene Welt. Das hat nichts mit einer grundsätzlichen Rechtslastigkeit der Jugend zu tun, sondern mit der Suche nach Alternativen zu einer als gescheitert wahrgenommenen Politik.

Ost-West-Unterschiede und soziale Realitäten 

Ein oft diskutiertes Thema ist die vermeintlich „rechtere“ Jugend im Osten Deutschlands. Tatsächlich ist die Skepsis gegenüber etablierten Parteien dort höher. Doch auch hier ist der Hintergrund relevant: Wo staatliche Strukturen schwach und Parteien kaum vor Ort präsent sind, füllt die AfD das Vakuum. 

Dabei darf nicht vergessen werden, dass junge Menschen in ländlichen Regionen häufig mit der Erfahrung des Abgehängtseins kämpfen. Sie erleben, dass ihre Wohnorte vernachlässigt werden, ÖPNV-Angebote fehlen und berufliche Chancen in der Stadt liegen. Dies trägt dazu bei, dass sich eine Entfremdung von politischen Prozessen entwickelt. 

Frustration mit den Ampelparteien

Die Bundestagswahl hat gezeigt, dass junge Wähler*innen sich von der Ampel-Koalition eher abgewandt haben. 2021 hatten viele die FDP wegen ihrer Digitalisierungsversprechen oder die Grünen wegen ihrer Klimapolitik gewählt. Zwei Jahre später sind viele ernüchtert: Statt Fortschritt erleben sie Streitereien und ausbleibende Reformen. Auch dies hat die AfD gestärkt. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche von der politischen Kommunikation der Ampel frustriert sind. Der Eindruck entsteht, dass Debatten oft an ihnen vorbeigehen. Gerade in sozialen Medien, wo junge Menschen sich informieren, sind Parteien oft wenig präsent oder erreichen ihre Zielgruppen nicht.

Was tun?

Junge Menschen sind keine Stammwähler. Ihre Wahlentscheidung treffen sie oftmals zum ersten Mal. Und diese Entscheidung leitet sich aus vielerlei Faktoren ab, vor allem aus ihrer persönlichen Lebensrealität. Politische Angebote müssen dies berücksichtigen. Nur bessere Kommunikation reicht nicht aus – die Politik muss Taten folgen lassen:

• Soziale Gerechtigkeit stärker in den Mittelpunkt rücken: Wenn junge Menschen das Gefühl haben, dass ihre Probleme ernst genommen werden, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sie Protestparteien wählen. 

• Lokale Präsenz und Jugendarbeit ausbauen: Parteien müssen wieder sichtbarer werden, gerade in Regionen, wo die AfD sonst das einzige Angebot ist. Regelmäßige Veranstaltungen, Dialogformate und Beteiligungsmöglichkeiten können helfen. 

• Bildungspolitik reformieren: Eine bessere schulische und berufliche Bildung schafft langfristig mehr Aufstiegschancen und nimmt Perspektivlosigkeit den Nährboden. Dazu gehören auch mehr Investitionen in duale Ausbildungssysteme und Unterstützung von Jugendlichen ohne Abschluss. 

• Jugend ernst nehmen: Junge Menschen sollten nicht nur in Wahlkampfzeiten angesprochen werden, sondern kontinuierlich in politische Entscheidungsprozesse eingebunden sein. Jugendparlamente, digitale Beteiligungstools und mehr Transparenz können helfen, Vertrauen in demokratische Strukturen zu fördern. 

Junge Wähler*innen sind suchend. Wer ihnen eine glaubwürdige, soziale und inklusive Zukunftsperspektive bietet, kann sie für die Demokratie gewinnen. Die Herausforderung für die Politik liegt darin, dies nicht erst bei der nächsten Wahl zu erkennen, sondern eine langfristige Strategie zu entwickeln, die junge Menschen als politische Akteure ernst nimmt.

Foto: Die Hoffotografen GmbH

Der Artikel ist zuerst unter dem Titel „Nicht per se rechts oder links, sondern suchend“, als Gastbeitrag im DSW Journal, Ausgabe 1/2025, herausgegeben vom Deutschen Studierendenwerk, erschienen.


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