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Foto: Tommao Wang/Unsplash

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Kein Geld für Urlaubsträume

Die Sommerferien versprechen jede Menge Spaß, Genuss und tolle Erlebnisse. Was aber, wenn für all das kein Geld da ist? Wie Kinder und Jugendliche ein Aufwachsen in Armut empfinden, haben Tabea Schlimbach, Dr. Angelika Guglhör-Rudan und Dr. Laura Castiglioni vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in einer qualitative Studie untersucht. Sie beantworten, wie Kinder und Jugendliche ihre Situation wahrnehmen.

Fotos: DJI

Wie wirkt sich Armut auf Kinder und Jugendliche konkret aus?

Arm aufzuwachsen, bedeutet für Kinder und Jugendliche Verzicht. Den meisten Eltern gelingt es zwar, die schlimmsten Armutsfolgen abzufedern, sodass genügen Essen und Kleidung vorhanden ist. Aber im Bereich der Freizeitaktivitäten müssen Kinder und Jugendliche dann sehr zurückstecken. Das trifft sie das ganze Jahr über, aber besonders in Ferienzeiten. Denn dann gibt es viel freie Zeit zu füllen und theoretisch vielzählige Möglichkeiten für Unternehmungen und Konsum. Sich mit Freunden auf ein Eis zu treffen, ins Schwimmbad oder Kino zu gehen ist oftmals nicht möglich. In den Interviews und Gruppendiskussionen, die wir am Deutschen Jugendinstitut mit 54 Kindern und Jugendlichen geführt haben, berichteten sie, dass sie ihre Ferien mit Nachbarn oder Freunden verbringen und viel draußen sind. Freunde sind ein wichtiger Aspekt bei der Betrachtung von Ferien unter Armutsbedingungen. Mit den Familien in den Urlaub zu fahren können sich nur sehr wenige und an sehr eingeschränkte Urlaubsorte leisten. Im öffentlichen Diskurs wird der Verzicht auf Urlaub oft als Luxusproblem abgestempelt. Das ist aber nicht richtig, da der Verzicht auf Urlaubsreisen zu einem weitreichenden aktuellen und künftigen Ausschluss führt. Es hat Folgen für das spätere Leben, wenn junge Menschen wichtige kulturelle Praktiken wie Reisen planen oder Koffer packen nicht einüben können.
Kinder und Jugendliche sind nicht nur von Gesprächen über den Urlaub unter Gleichaltrigen und in der Schule ausgeschlossen, sie schämen sich auch oft und empfinden ihre Situation als Makel. Für ältere Jugendliche geht es auch darum, mit Gleichaltrigen in den Urlaub zu fahren. Wenn das nicht möglich ist, ist es hart für die jungen Menschen. 

Welche Familien sind besonders von Armut betroffen?

Etwa 14,4 % der Kinder in Deutschland sind armutsgefährdet. Das Armutsrisiko ist unter bestimmten Bedingungen wesentlich höher, und zwar in Familien mit alleinerziehendem Elternteil, in Familien mit Einwanderungserfahrung, in Mehrkindfamilien oder in Familien mit kranken oder pflegebedürftigen Familienmitgliedern. 

Wie nehmen Kinder und Jugendliche die Armut ihrer Familie wahr?

Das individuelle Armutserleben ist sehr unterschiedlich und hängt von individuellen Prioritäten ab. Finanzielle Notlagen der Familien teilen sich den Kindern unmittelbar mit. Sie zeigen großes Verständnis für die Lage der Familie und sind bereit, eigene Bedürfnisse zurückzustellen. Die Eltern wiederum versuchen, Armutsfolgen für ihre Kinder abzufedern, indem sie Sparstrategien verfolgen und priorisieren. Gemeinsame Ausflüge bleiben dann oft auf der Strecke. Viele Kinder und Jugendliche beschreiben sich selbst nicht als arm – zum einen, weil sie an Mangellagen gewohnt sind, zum anderen, weil Armut mit Scham verbunden ist. 

Wie können Lehrkräfte und Erzieher*innen in der Schule armutssensibel mit Kindern und Jugendlichen umgehen?

Lehrkräften und Erzieher*innen ist nicht immer bewusst, welche Familien über welche Mittel verfügen. Kinder, die von Armut betroffen sind, berichten deshalb, dass es ihnen peinlich ist, wenn nach den Ferien alle im Kreis von ihren Urlaubserlebnissen erzählen, sie selbst aber nichts dazu sagen können. Auch Rituale, bei denen Kinder Einblick in ihr Familienleben geben müssen, können problematisch sein, wenn ein Kind dabei implizit Mangelsituationen offenbart. Lehrkräfte und Erzieher*innen sollten reflektieren, welche Praktiken dazu führen, dass Kinder Informationen über ihre Familien preisgeben, die peinlich oder schwierig sein könnten. Viele arme Kinder berichten von Mobbingerfahrungen in der Schule und fühlen sich davor nicht ausreichend geschützt. Es ist wichtig, dass die Erwachsenen sie vor Situationen bewahren, die Mobbing auslösen können.

Welche Angebote gibt es in den Sommerferien für Kinder und Jugendliche mit geringem oder ohne Budget?

In vielen Gemeinden gibt es Ferien- oder Familienpässe, mit denen man kostenlos oder gegen eine geringe Gebühr ins Freibad oder in andere Einrichtungen gehen kann. Außerdem gibt es Familien- und Jugendfreizeiten, die wenig kosten und unter bestimmten Voraussetzungen bezuschusst werden können, sodass sich jede Familie bzw. alle Kinder und Jugendlichen ab und zu einen kleinen Ausflug leisten können. Darüber hinaus gibt es Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder Vereine, die solche Freizeiten organisieren. Die Bedingungen und die Angebote sind von Ort zu Ort verschieden und der Umfang der Angebote kann sehr unterschiedlich sein, je nach finanzieller Lage der Gemeinde. So bieten Einrichtungen (z.B. Jugendtreffs) Aktivitäten wie Sportveranstaltungen, Ausflüge, Spiele, Basteln und Kochen an. Diese Angebote werden kostengünstig oder kostenlos angeboten und wirken als Türöffner zu Aktivitäten, die das eigene Budget nicht ermöglicht hätte oder zu denen inhaltlich bisher kein Zugang bestand.

Aber auch hier gibt es Hürden, wenn beispielsweise das Schülerticket die Ferien nicht abdeckt und Kinder und Jugendliche nicht zu den Veranstaltungsorten fahren können. Die jungen Meschen in unseren Interviews haben zum Beispiel eine wohnortnahe Ganztagesferienfreizeit besucht. Die Eltern konnten Zuschüsse der Stadt für die Ferienbetreuung beantragen. Damit werden nicht nur Freizeit- und Bildungserlebnisse ermöglicht. Die Angebote sind auch eine wichtige Entlastung der Familien als Betreuungsangebot, um Aufgaben der Kinderbetreuung mit beruflichen Verpflichtungen während der Ferienzeit vereinbaren zu können. 

Was muss sich ändern, damit Kinder und Jugendliche größere Chancen haben aus der Armut herauszukommen?

Es gilt, Familien als Gesamtsystem zu stärken und individuell zu schauen, wo sie Unterstützung brauchen. Dabei ist es wichtig, die Eltern und ihre Kinder anzuhören und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Neben einer besseren finanziellen Unterstützung geht es auch darum, unterstützende Strukturen zu erhalten und Brücken zwischen den unterschiedlichen Hilfen zu bauen.

Weitere Informationen

Mehr Informationen zur Studie „Wenn das Geld nicht reicht. Eine Studie zu Meinungen von Kindern und Jugendlichen.“ München, Deutsches Jugendinstitut finden Sie unter: 

dji.de/kgs
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