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Foto: kamisoka/iStock

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Endlich Sommerferien

Ausschlafen, chillen und in Ruhe spielen: Die Sommerferien sind für viele Kinder und Jugendliche mehr als eine Auszeit vom Schulalltag. Sie bieten dringend benötigte Erholung von einem anstrengenden Schuljahr und eröffnen Raum für persönliche Entwicklung. Mindy Waskowiak, Schulsozialarbeiterin im Kinderschutzbund, gibt Einblicke, wie mit einer guten Balance aus Erholung und neuen Erfahrungen die Ferien dazu beitragen können, dass Kinder und Jugendliche ausgeruht und motiviert in das neue Schuljahr starten.

Jedes Jahr sehnen schulpflichtige Kinder und Jugendliche die Sommerferien herbei. Denn der Schulalltag ist anstrengend und von festen Strukturen und vielen Terminen geprägt. Mindy Waskowiak, Schulsozialarbeiterin an der Lessing Grundschule in Zittau, ist nicht nur in der Schulzeit für die Kinder da, sondern führt auch Ferienprogramme durch. Sie beschreibt die Sommerferien als notwendige Pause vom Unterricht, in der Kinder und Jugendliche Stress abbauen und ihre Energiereserven wieder auffüllen können. „Die Ferien sind superwichtig für die Kinder“, sagt Mindy Waskowiak, Schulsozialarbeiterin des Kinderschutzbundes an der Lessing Grundschule in Zittau: „Die Zeit zwischen Ostern und den Sommerferien ist kurz und immer sehr vollgepackt. Die Kinder müssen jede Menge Stoff bewältigen. Das erzeugt bei einigen Kindern Druck.“ Dazu kommt, dass auf individuelle Bedürfnisse der Kinder im Schulalltag oft nicht eingegangen werden kann. Das erzeugt Reibung und führt zu Konflikten. „Wir spüren gegen Ende des Schuljahres immer, dass die Klassen sehr unruhig sind, die Bereitschaft der Kinder Neues zu lernen sinkt und der Bewegungsdrang zunimmt. Die Luft ist dann einfach raus. Im Sommer brauchen die Kinder eine Ruhe- und Entspannungsphase, genauso wie wir Erwachsenen auch.“

Eigenständig und selbstbestimmt

Erholungsphasen sind entscheidend für die psychische Gesundheit und Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen. In den Ferien steht das Bedürfnis nach Ruhe, Spiel und Autonomie im Zentrum. Kinder können stärker bestimmen, wie ihr Tagesablauf aussieht. Wenn sie sich ihre Freizeitbeschäftigung selbst suchen und dabei ihren eigenen Interessen nachgehen, fördert das ihre Selbstständigkeit. „Es tut den Kindern gut selbstbestimmt zu entscheiden, worauf sie gerade Lust haben, statt immer fremdbestimmt zu sein“, bemerkt Mindy Waskowiak. Ohne Zeit- und Leistungsdruck entwickeln Kinder kognitive Fähigkeiten oft intensiver – zum Beispiel durch freiwilliges Lesen, Spielen oder kreative Projekte. Manchmal entdecken Kinder in der unstrukturierten Zeit auch neue Interessen und Begabungen. Das kann das Selbstwertgefühl verbessern. 

Auch Langeweile zu haben kann positiv sein. „Langeweile regt Kinder an, kreative Beschäftigungen zu finden oder zu schauen, welcher Freund in der Nähe vielleicht Zeit hat sich zu verabreden“, sagt Mindy Waskowiak. Es kommt aber auch auf das familiäre Umfeld an wie mit Langeweile umgegangen wird. Wenn gar keine Anreize geschaffen werden, sind für manche Kinder und Jugendliche Fernseher, Konsole, Computer oder Handy die erste Wahl. Denn das Spielen sorgt für schnelle Belohnungs-Effekte. „Die Medienzeiten für Kinder sollten auch in den Ferien begrenzt werden“, rät Mindy Waskowiak: „Denn zu viel Medienkonsum ist kontraproduktiv für den Erholungseffekt.“

Stärken sozialer Beziehungen

Während der Ferien haben viele Familien Gelegenheit, mehr Zeit zusammen zu verbringen. Das kann die familiären Bindungen und das soziale Wohlbefinden der Kinder stärken. Gemeinsame Aktivitäten wie ein Museumsbesuch, eine Fahrradtour oder ein Spieleabend fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl und schaffen positive Erinnerungen. „Manche Kinder kommen auch in den Genuss, eine Woche bei den Großeltern zu verbringen“, erzählt Mindy Waskowiak, „das genießen die Kinder meist sehr“.

Die Schulferien erlauben es, sich öfter mit Freunden zu treffen. Dies kann die Empathie und Kommunikationsfähigkeit steigern. Kinder lernen, sich auf ein gemeinsames Spiel zu einigen und sich auf Augenhöhe mit Freunden auszutauschen. Gerade für Jugendliche ist peerbezogene Freizeitgestaltung zentral für ihre soziale Identitätsfindung.

Impulse jenseits des Unterrichts

Die unterrichtsfreie Zeit bietet zusätzliche Erfahrungsräume. Ausflüge in die Natur regen zum Bewegen an und tragen zum Wohlbefinden bei. Einen Tag im Wald zu verbringen und dabei vielleicht sogar ein eigenes Baumhaus zu bauen ist für Kinder ein unvergessliches Erlebnis.  

Reisen oder Besuche bei Verwandten im In- und Ausland fördern soziale und sprachliche Kompetenzen und interkulturelles Lernen. „In Zittau gibt es viele geflüchtete Familien oder Familien mit Migrationshintergrund. Wenn die Kinder in den Ferien ihre Verwandten besuchen, bringen sie viele Eindrücke und Erlebnisse mit. Sie lernen andere Kulturen und Menschen kennen. Manchmal entwickelt sich aus Impulsen aus einem anderen Land eine Projektidee für den Unterricht“, erzählt Mindy Waskowiak.

Viele Kinder verbringen tolle Ferien mit ihren Familien oder nehmen an Sportcamps in ihren Vereinen oder Kirchenfreizeiten teil. Es gibt aber auch Kinder, die die Ferien hauptsächlich zuhause verbringen und wenige Anregungen haben. Ist die Ferienzeit vollkommen unstrukturiert ohne geistige oder soziale Impulse, wirkt sich das negativ auf das Wohlbefinden eines Kindes aus. Der sozioökonomische Status, die Unterstützung der Eltern, das Alter des Kindes und dessen Interessen bestimmen, ob die Ferienzeit zur Chance oder Herausforderung wird.

Für Familien, die wenig Geld zur Verfügung haben, ist eine Reise oder auch ein Ausflug oft nicht möglich. „Kinder von Alleinerziehenden oder mit Eltern, die nicht erwerbstätig sind, haben viel weniger Möglichkeiten,“ sagt Mindy Waskowiak. Sie beobachtet, dass Kinder sich in ihrer freien Zeit dann oft selbst organisieren und sich zum Beispiel mit Freunden in der Stadt treffen: „Die Beziehungsarbeit in der Schulzeit ist mir sehr wichtig. Ich spreche oft Kinder gezielt an und frage, ob sie an unserem Ferienangebot teilnehmen möchten.“ 

Foto: DKSB Zittau

Kinderschutzbund ist auch in den Ferien da

Dass es auch in den Ferien Betreuungsangebote gibt, ist für viele Familien wichtig. Denn kaum ein Elternteil hat so viel Urlaub wie es Ferientage im Jahr gibt. In Zittau ist der Hort der Lessing Grundschule in allen sechs Wochen der Sommerferien durchgehend geöffnet. Darüber hinaus organisiert der Kinderschutzbund Zittau auch offene Ferienangebote, an denen Kinder und Jugendliche verschiedener Schulen teilnehmen können. Neben Tagesaktionen wie Wandertagen, einem Ausflug in das Jumphouse zum Trampolinspringen oder gemeinsamem Kochen gibt es jedes Jahr eine Erlebnisferienwoche am Obersdorfer See. „Wir bereiten für jeden Tag etwas Besonderes vor: Ob Frisbeespiele, eine Soccerarena, Staffelspiele, Armbänder flechten, Kinderschminken, Geocaching oder das Schwimmen im See, abgesichert durch einem Rettungsschwimmer – für jedes Kind ist etwas dabei“, erzählt Mindy Waskowiak. 35 bis 50 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 14 Jahren können die erste Ferienwoche am See verbringen. Die Teilnahme ist kostenfrei, verpflegen müssen sich die Kinder und Jugendlichen allerdings selbst.

Mit neuer Kraft

Die Sommerferien sind eine bedeutende Entwicklungszeit. Sie eignen sich zur Erholung, Selbstentfaltung und um soziale und kognitive Fähigkeiten auszubauen. Entscheidend ist, dass Kinder genügend Freiraum, aber auch anregende Impulse erhalten – sei es durch Spiele, Gespräche oder das Kennenlernen von Neuem. „Nach den Ferien kommen die meisten Kinder mit neuer Energie in die Schule und freuen sich, ihre Freunde wiederzusehen. Sie sind dann ausgeglichener, motivierter und auch das Miteinander ist entspannter, es gibt weniger Konflikte,“ sagt Mindy Waskowiak. Dann kann wieder effektiv gelernt werden.

Foto: DKSB Zittau

Lernen in den Ferien?

Ferien dienen der Erholung, bieten aber auch die Chance, Lernlücken zu schließen. Dr. Justine Stang-Rabrig, Dr. Annika Ohle-Peters und Dr. Ramona Lorenz vom Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund erklären, welche Auswirkungen Ferien auf Kinder haben können.

Wie beeinflussen Sommerferien die schulischen Fähigkeiten von Kindern?

Ferienzeiten können für Kinder mit Lernverlusten oder auch mit Lernzugewinnen einhergehen. Dies ist maßgeblich von der Ausgestaltung der zur Verfügung stehenden Zeit abhängig und durch außerschulische Faktoren bedingt. Entscheidend ist, ob die Freizeit gezielt mit Lernanreizen verbunden wird. In Studien stehen in der Regel die schulischen Kernkompetenzen Mathematik und Lesen im Fokus. 

Was zeigen Studien?

Einige Studien deuten darauf hin, dass Kinder nach mehrwöchigen Ferien schlechtere Leistungen erbringen als vor den Ferien. Die dazu durchgeführten Studien sind jedoch bereits älter und spiegeln nicht unbedingt die heutigen sozialen und schulischen Bedingungen wider. Neuere Studien deuten ebenfalls auf einen mittleren Lernverlust hin, wobei es für Deutschland nur wenige Daten dazu gibt. Eine sehr prominente Studie aus den 1990er Jahren fasste Ergebnisse vieler Einzelstudien zusammen, die vorrangig in den USA durchgeführt wurden. Sie zeigte, dass Kinder in Mathematik stärker zurückfielen als im Lesen. Die Forscher*innen erklären dies damit, dass mathematische Rechenübungen im Vergleich zu Leseübungen seltener in den Ferienalltag eingebaut werden, während Lesen – etwa durch Ferienlektüre – häufiger geübt wird. Einzelne Studien zeigen sogar, dass sich die Lesefähigkeit in den Sommerferien auch verbessern kann. Verluste und Zugewinne in den Kompetenzen scheinen davon abhängig zu sein, ob Kinder in den Ferien kognitiv angeregt werden. Dabei bestehen Unterschiede: Manche Kinder sind stärker als andere von den Effekten betroffen. Disparitäten zwischen Kindern unterschiedlicher sozialer Gruppen sind jedoch nicht eindeutig. Studien zeigen auch, dass Verluste an kognitiven Fähigkeiten innerhalb der ersten Schulwochen nach den Ferien wieder aufgeholt werden können. Jüngere Schüler*innen in der Grundschule sind von Ferieneffekten stärker betroffen als ältere in der Sekundarstufe.

Sollten Kinder in den Ferien lernen?

Unsere mehrwöchigen Sommerferien sind im Vergleich zu anderen Ferien relativ lang. Kinder brauchen diese Zeit, um sich zu erholen und Abstand vom Schulalltag zu gewinnen. Dennoch kann es für einige Kinder sinnvoll sein, einen Teil der Ferien auch für das Lernen zu nutzen – etwa um Lernlücken in (Kern-)Fächern zu schließen, zentralen Lernstoff zu wiederholen und zu festigen sowie möglichen Lernverlusten vorzubeugen. Spielerische Ansätze ohne Druck lassen sich gut in den Ferienalltag integrieren: Eine Ferienlektüre lesen, Englisch-Vokabeln beim „Ich sehe was, was Du nicht siehst“-Spiel auf einer langen Autofahrt üben oder im Kopf ausrechnen, was ein Eis für die ganze Familie kostet, regt Kinder kognitiv an. Lernangebote können helfen, Bildungsungleichheiten abzubauen. Insbesondere für sprachliche Kompetenzen sind positive Effekte von Sommerferienlerncamps sowohl international als auch national gut belegt. Besonders zum Ende der Ferien kann Lernen sinnvoll sein, um den Wiedereinstieg in die Schule zu erleichtern.

Foto: sait aydin/iStock

Ausgabe 25-2

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