
Eltern als Anker
Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Doch wie setzt man Grenzen bei herausforderndem Verhalten? In Fortbildungen mit dem Titel „Ich zähle bis drei – dann probiere ich es anders“ vermittelt der Kinderschutzbund Lindenberg/Westallgäu Eltern das Konzept der Neuen Autorität von Haim Omer. Es zeigt neue Wege, Kinder und Jugendliche aktiv und respektvoll zu begleiten.
Autorität im Wandel
Kinder und Jugendliche autoritär oder antiautoritär zu erziehen, ist nicht mehr zeitgemäß. Doch was tun, wenn Worte allein nicht helfen? Haim Omers Neue Autorität setzt auf Selbstreflexion und die Kontrolle des eigenen Verhaltens, nicht das des Kindes oder Jugendlichen.
Sein Ansatz fördert eine gute Beziehung und Kooperation. Erwachsene sollen sichtbar und ansprechbar sein, ohne sich hinter Regeln und Konsequenzen zu verstecken. Geduld und Standhaftigkeit schaffen eine liebevolle Autorität, die auf Verbundenheit und Vertrauen baut. Eltern, die früher mit Schimpfen oder beleidigt auf die schlechte Laune ihres Sohnes reagierten, lernen ruhig und präsent zu bleiben. Sie sagen: „Wir sehen, dass es dir schwerfällt darüber zu sprechen. Wir sind da, wenn du uns brauchst.“ Diese Haltung stärkt die Beziehung, ohne die Würde des Kindes zu verletzen oder Regeln und Grenzen aus den Augen zu verlieren.
Die Neue Autorität bietet konkrete Handlungsmöglichkeiten. Um diese anzuwenden, sind drei „Ja‘s“ der Erwachsenen vorauszusetzen: Ich brauche das! Ich kann das! Ich will das!
Drei der sieben Säulen, auf die das Konzept aufbaut, seien hier beschrieben:
Präsenz und wachsame Sorge
Eltern geben durch körperliche und emotionale Präsenz Stabilität: „Ich bin da und ich bleibe da, egal wie schwer es wird.“ Sie übernehmen Verantwortung für die Beziehung zu ihren Kindern und stehen für das Einhalten von Werten und Regeln ein. Sie sind stets ein Anker für ihre Kinder. Sie führen Auseinandersetzungen konstruktiv und vermeiden Eskalationen, indem sie standhaft und ruhig bleiben.
Wachsame Sorge bedeutet, aktiv am Leben der Kinder teilzunehmen, ihnen etwas zuzutrauen und ihr Verhalten zu beobachten. Omer sagt: „Wir sehen genau hin, ohne uns aufzudrängen.“ Bei Gefahr handeln Eltern entschlossen.
Ein Beispiel: Eltern bemerken, dass ihr Kind zunehmend zurückgezogen ist. Sie sprechen es behutsam an: „Uns fällt auf, dass du viel allein bist. Gibt es etwas, was dich bedrückt?“ Öffnet sich das Kind nicht, holen die Eltern Unterstützung und suchen gemeinsam Lösungen.

Wiedergutmachung
Auf dem Weg zum Erwachsenwerden ist eine vertrauensvolle Begleitung für Kinder zentral. Vor allem, wenn Fehler gemacht wurden. „Wo Schaden ist, muss Entschädigung sein“, formuliert Omer. Strafen und Sanktionen sind nicht das richtige Mittel. Stattdessen stärkt ein begleiteter Wiedergutmachungsprozess die Beziehung ohne das Kind oder den Jugendlichen als Täter aus der Gemeinschaft auszugrenzen.
Ein Beispiel: Ein 10-jähriges Kind beschädigt im Wutanfall das Fahrrad eines Freundes. Die Eltern übernehmen mit dem Kind Verantwortung. Sie besprechen ruhig, wie der Schaden behoben werden kann und unterstützen das Kind beim Gespräch mit dem Freund und dessen Eltern. Gemeinsam reparieren sie das Fahrrad oder tragen die Kosten. So steht das Kind für sein Verhalten ein, ohne bloßgestellt zu werden. Der Fehler wird Teil des Wachstums, der Erwachsene zeigt Konfliktlösungskompetenz.
Beziehungsangebote
Erwachsene machen Beziehungsangebote, unabhängig von bestehenden Konflikten oder Problemen. Damit zeigen sie in jeder Lebenslage: „Du bist mir wichtig! Ich lasse mich von nichts entmutigen!“
Ein Beispiel: Ein Jugendlicher verweigert die Schule und zieht sich von seiner Familie zurück. Die Eltern kochen sein Lieblingsessen und laden ihn ein, gemeinsam zu essen ohne Probleme anzusprechen. Obwohl der Jugendliche zunächst ablehnend reagiert, bleibt das Beziehungsangebot bestehen und zeigt langfristig Wirkung, es stärkt die Verbindung.
Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, trotz Konflikten Nähe zu signalisieren ohne Druck auszuüben. „Du hast das Gute in mir hervorgeliebt“, schrieb Magister Stefan Ofner, Inhaber des Institut für Neue Autorität, an einen Freund. Ein Zitat, das der alten machtorientierten Autorität absagt.
Im Konzept der Neuen Autorität kann sich die Persönlichkeit frei und gut begleitet entfalten. Alle Handlungsmöglichkeiten sind flexibel und an individuelle Bedürfnisse anpassbar. Eine professionelle Begleitung durch geschultes Personal kann in besonders herausfordernden Situationen unterstützen.
Ein Beitrag für Demokratie und Frieden
Mit Achtsamkeit und Gleichwertigkeit ins Erwachsenenleben begleitet zu werden und gemeinsam alle Herausforderungen zu meistern, die das Kindes- und Jugendalter mit sich bringen, birgt einen großen Schatz. Die Neue Autorität stärkt Empathie und Toleranz und beeinflusst die gesellschaftliche Kultur. Mehr Verständnis führt zu weniger Gewalt. Das Selbstbild der Erwachsenen wird gestärkt, was ihren Einfluss erweitert. Individuelle Veränderungen wirken sich perspektivisch auf ein friedliches Zusammenleben aus, in Familien, Schulen, Gemeinden, Städten, in unserer Welt. Die Neue Autorität leistet so einen Beitrag, die Kinderrechte aktiv zu leben. Sie ist mehr als ein pädagogisches Konzept – sie ist eine Haltung, die Hoffnung schenkt: auf starke Kinder, ein respektvolles Miteinander und eine friedliche Zukunft.
Anja Kronenberg, Öffentlichkeitsarbeit, Fortbildungen,
Projekte, DKSB OV Lindenberg/Westallgäu

