
Begleiten statt verbieten
Mobbing, Pornos, Gewalt – im Internet lauern viele Gefahren für Kinder. Doch Smartphones sind aus dem Alltag von Kindern heute nicht mehr wegzudenken. Ist es sinnvoll, Smartphones zu verbieten, um Kinder vor ungeeigneten Inhalten zu schützen?
„Wenn ich auf die weiterführende Schule komme, wünsche ich mir ein eigenes Smartphone! Kim bekommt auch eins! Bitte!“ So oder so ähnlich verlaufen heutzutage viele Gespräche innerhalb von Familien. Und die kommen nicht von ungefähr: Smartphones sind aus dem Alltag von Familien nicht mehr wegzudenken.
Schon Vorschulkinder greifen auf digitale Geräte zu, und mit jedem Lebensjahr wächst der Wunsch nach eigenen Geräten, allen voran das eigene Smartphone. Die aktuelle KIM-Studie (2022) zeigt: Ab einem Alter von zehn bis elf Jahren besitzt bereits mehr als die Hälfte der Kinder ein eigenes Smartphone. Bei den 12-13-Jährigen sind es bereits 81%.
Die Schulleiterin und Bestseller-Autorin Silke Müller sieht dies kritisch und plädiert für ein Verbot von Smartphones für Kinder unter 14 Jahren. Sie argumentiert, dass Smartphones in diesem Alter mehr Schaden als Nutzen bringen und verweist auf Probleme wie Cybermobbing, Konzentrationsstörungen, Suchtverhalten und den Einfluss auf die mentale Gesundheit.
Kinderrecht auf Zugang zu Medien und Teilhabe
Kinder haben nach Art. 17 UN-Kinderrechtskonvention grundsätzlich das Recht auf Zugang zu Medien. Heute sind digitale Endgeräte essenziell für die soziale, schulische und kulturelle Teilhabe. Sie ermöglichen den Zugang zu Lernplattformen, den Austausch mit Peers, die Organisation in Polit-Gruppen (siehe Fridays for Future), den Kontakt zu Vereinen, die Teilnahme an Freizeitaktivitäten und eine auf persönliche Interessen abgestimmte Informationssuche. Dabei ist unwesentlich, ob Kinder ein eigenes Gerät besitzen oder Zugang zu einem Familiengerät haben. Ohne Smartphone ist digitale Teilhabe heute kaum mehr möglich.

Recht auf Schutz
Das Recht auf Zugang zu Medien umfasst aber auch, Kinder vor Informationen und Material zu schützen, „die ihr Wohlergehen beeinträchtigen“ (Art. 17 UN-Kinderrechtskonvention). Deshalb ist es wichtig, dass Eltern den Wunsch ihrer Kinder nach einem eigenen Gerät zwar ernstnehmen, aber schrittweise vorgehen. Als erstes eigenes Gerät eignet sich auch ein einfaches Handy, das keinen Internetzugang hat und nur Telefonie und SMS erlaubt. Dies ermöglicht Autonomie und gibt Sicherheit auf eigenen Wegen. Die Risiken, die mit dem Zugang zum Internet verbunden sind, sind zunächst ausgeklammert. Genauso wie bei den Regeln im Straßenverkehr sollten Eltern ihren Kindern vor Benutzung eines Smartphones Regeln erklären, auf Gefahren hinweisen und über das Vorgehen im Notfall sprechen. Eine gute Hilfe kann dabei zum Beispiel die Broschüre „Mikas erstes Smartphone“ vom Projekt Kinderrechte digital leben! des Kinderschutzbundes Thüringen sein.
Medienkompetenz ist entscheidend
In unserer digitalen Welt ist die Vermittlung von Medienkompetenz unverzichtbar. Eltern spielen hier eine Schlüsselrolle, doch viele Eltern fühlen sich der Aufgabe nicht oder nur unzureichend gewachsen. Studien zeigen, dass technische Schutzmaßnahmen wie Filtersoftware oder Zeitlimits oft nicht genutzt werden (KIM-Studie 2022; Jugendmedienschutzindex 2022). Gleichzeitig wissen Eltern oft nicht, welche Inhalte für ihre Kinder geeignet sind (MoFam-Studie 2016) oder wie sie problematische Inhalte erkennen und besprechen können (Jugendmedienschutzindex 2022). Doch eine gute Medien- und Digitalkompetenz bei Erwachsenen ist unerlässlich, um Kinder adäquat in ihrer Nutzung zu begleiten und wirksam vor Risiken zu schützen. Es ist sinnvoll, dass Eltern mit ihren Kindern Regeln gemeinsam besprechen und zum Beispiel im sogenannten „Mediennutzungsvertrag“ festhalten.
Verbote sind keine Lösung
Aus Sicht des Kinderschutzbundes ist es weder zielführend noch durchsetzbar, Smartphones für Kinder zu verbieten. Schon heute werden bestehende Altersgrenzen nicht effektiv durchgesetzt: Sei es, weil Eltern diese aktiv aushebeln, sei es aus Unwissenheit oder weil die Altersgrenzen in der Praxis nicht umsetzbar sind. Wichtiger als ein Verbot ist, dass Kinder einen kompetenten Umgang mit den Herausforderungen der digitalen Welt lernen.
Kinder müssen bei dem Umgang mit einem Familiengerät, später mit dem ersten eigenen Gerät stets begleitet werden. Gespräche über Internetnutzung und die Einrichtung kindgerechter Profile können den Einstieg erleichtern. Wenn ein Smartphone vom Kind genutzt wird, müssen technische Jugendschutzeinstellungen vorgenommen werden. Dazu gibt es gute Anleitungen im Internet (zum Beispiel von Schau Hin oder Klicksafe). Workshops oder medienpädagogische Angebote können Eltern zusätzlich unterstützen, ihre Kinder besser zu begleiten. Eine Übersicht über Informationsseiten zu medienpädagogischen Themen findet sich zum Beispiel auf der Website des Projektes Kinderrechte digital leben!
Gemeinsam für eine sichere digitale Welt
Damit Kinder Smartphones sicher nutzen können, sind altersgerechte Begleitung, Schutzmaßnahmen und medienpädagogische Konzepte erforderlich. Eltern, Schulen und Anbieter tragen gemeinsam Verantwortung, um Kinder in die digitale Welt zu begleiten und vor Risiken zu schützen. Im Fokus müssen dabei immer der individuelle Entwicklungsstand des Kindes, seine Fähigkeiten und das Kindeswohl stehen.
Elena Frense, Fachreferentin für Medien und Digitales,
Kinderschutzbund Bundesverband

